BERLIN, 2. September (LabNews Media LLC) – Jan Wolter, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL), hat im MedLabPortal-Gespräch mit Marita Vollborn und Vlad Georgescu scharf auf Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz reagiert. Merz hatte Ärztinnen und Ärzte, auch in der Kinderheilkunde, als Nutznießer des Systems bezeichnet. Wolter erklärt, er fühle sich von diesem Kanzler weder angesprochen noch verstanden noch vertreten; die Formulierung sei ein Schlag ins Gesicht für alle im Gesundheitswesen Tätigen und zeige fehlende Bodenhaftung.
Zur Idee, die Zahl der Krankenkassen von 93 auf 20 zu senken – im Interview Linnemann zugeordnet –, spricht Wolter von Scheindebatten und Nebelkerzen. Verwaltungskosten lägen unter 3,9 Prozent der GKV-Ausgaben; zehn Prozent weniger Verwaltung brächte weniger als 0,4 Prozent der Gesamtkosten. Signifikant sinkende Gesundheitsausgaben durch weniger Kassen hält er für einen Irrglauben. Stattdessen wiederholt er die Forderung nach einem vollständigen Neustart des Systems.
Eine Konzentration der Laborketten auf einen Anbieter lehnt er ab: Wettbewerb sichere Innovation und Preise, mehr Marktmacht sei nicht nötig. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, in der Umfragen die AfD vorn sehen, verweist Wolter auf die Leitwerte der Fachgesellschaft: Sachlichkeit, Wissenschaft, Sicherheit, Menschlichkeit. Kommunale Kliniken nützten wenig ohne Personal. Rund ein Viertel der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sei nicht hier geboren, in der Altenpflege habe jeder Dritte Migrationshintergrund. Ein Programm, das diese Menschen nicht wolle, gefährde die Versorgung. National gedachte Wissenschaft gleiche einem Puzzle, bei dem jedes Land nur eigene Teile nutzen dürfe. Spitzenkräfte mit Migrationsgeschichte würden rasch nach Großbritannien, Kanada, Frankreich oder in die Niederlande gehen.
Wolter warnt vor Machtkonzentration und eingeschränkter Wissenschaftsfreiheit unter nationalistischen Regierungen, ohne Wahlkampfempfehlung für eine Partei. Gute Politik für das Land lasse das Thema von selbst schrumpfen; Politiker sollten in Kliniken hospitieren. Wählerinnen und Wähler sollten sich fragen, ob sie ihre Entscheidung in zehn Jahren vor der nächsten Generation vertreten können.
Die DGKL ist die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Labormedizin; MedLabPortal ist ihr Informationsangebot. Das Interview ist Positionsäußerung eines Verbandsvorstands, kein Meinungsbild der Belegschaften und keine Prognose des Wahlausgangs. Ob ein „totaler Reset“ operationalisierbar ist, bleibt politische Streitfrage. Kassenfusion und Laborkonzentration sind alte Hebel mit begrenztem Sparpotenzial, wenn der Kostendruck vor allem aus dem Leistungsgeschehen kommt. Personalengpässe in Klinik und Labor sind unabhängig von Wahlsonntagen dokumentiert.


