Die Werksschließungen und der Personalabbau treffen die Life Sciences selektiv, nicht flächendeckend. Evonik gibt in Deutschland klassische Pharma-Zwischenstufen und eine kleine Kosmetikfertigung auf, hält aber die Lipid- und Wirkstoffplattformen in Hanau und Dossenheim und investiert das größere Wachstumskapital in Kanada. Für Kunden bedeutet das vor allem einen Lieferantenwechsel bei Ketosäuren – nicht den Wegfall von mRNA-Lipiden.
Was in den Life Sciences überhaupt betroffen ist
Evoniks Life-Science-Geschäft sitzt in der Division Nutrition & Care bzw. der Business Line Health Care: pharmazeutische Wirkstoffe und Hilfsstoffe, Wirkstofffreisetzung, Lipide für mRNA– und Gentherapien, Zellkulturmedien, Kosmetik- und Pflegeinhaltsstoffe, Human- und Tierernährung.
Direkt betroffen durch Schließung oder Aufgabe:
| Bereich | Standort | Maßnahme | Beschäftigte | Kundenfolge |
|---|---|---|---|---|
| Ketosäuren / Pharma-APIs | Hanau (Industriepark Wolfgang) | Produktion Ende 2025 eingestellt | rund 260 | deutsches Evonik-Angebot endet |
| Ausgewählte Wirkstoffanlagen | Hanau | Verkauf an ProChem, Juni 2026 | Anlagen + Genehmigungen gehen über | CDMO-Kapazität bleibt am Ort, unter neuem Betreiber |
| Kosmetik- und Pflegeprodukte | Hamburg | Standortmitte 2027 zu | rund 50 | Fertigung soll nach Essen-Goldschmidt |
| Amino-/Ketosäuren (Rest) | Ham (F), Wuming (CN) | Partnerschaft oder Verkauf geprüft | nicht beziffert | Produktion soll weiterlaufen, Eigentum offen |
Das Ketosäure- und Pharma-Aminosäuregeschäft erlöste im Schnitt der Vorjahre rund 100 Millionen Euro. Evonik nannte das Marktumfeld und chinesische Konkurrenz als Gründe; das Geschäft in Hanau war nach Konzernangaben über Jahre nicht profitabel. Ketosäuren dienen unter anderem als Wirkstoffe bzw. Vorstufen bei Niereninsuffizienz, Schmerz- und Herzmitteln.
Nicht betroffen – und das ist für Life Sciences entscheidend – sind:
- die GMP-Lipidanlage in Hanau (klinische und kleine kommerzielle Mengen, inkl. PhytoChol),
- Dossenheim (rund 200 Beschäftigte: APIs, Lipide, darunter die Covid-Versorgung für Comirnaty, Kosmetik),
- Darmstadt (Formulierung/Anwendung),
- Essen-Goldschmidtstraße (rund 2.000 Beschäftigte, größter Industriebetrieb der Stadt, Haut- und Haarpflege),
- Steinau (2024 eröffnete Emollient-Anlage für nachhaltige Kosmetikester).
Polyester (Witten/Marl), Chlorsilane (Bitterfeld) und die Service-Tochter Syneqt gehören nicht zum Life-Science-Kern.
Wirkung 1: Deutsche API-Fertigung wird umgeschichtet, nicht gelöscht
Der sichtbarste Life-Science-Schnitt ist Hanau. Evonik hat die Ketosäurelinie beendet und ausgewählte Wirkstoffanlagen an die ProChem-Gruppe verkauft. ProChem übernahm im Juni 2026 drei Anlagen mit rund 170 Kubikmetern Reaktorvolumen unter cGMP, startete acht Wochen später erste Technikumsansätze und will damit erstmals selbst GMP-Lohnfertigung anbieten.
Das ändert die Landkarte so:
- Evonik ist in Hanau kein breiter API-Produzent mehr, sondern Lipid-Spezialist.
- ProChem wird zum neuen lokalen CDMO. Ob dieselben Ketosäure-Kunden dort weiterproduzieren lassen, ist öffentlich nicht belegt; belegt ist nur: Anlagen, Infrastruktur und Genehmigungen bleiben im Industriepark Wolfgang.
- Die Volumenproduktion von Pharma-Keto- und Aminosäuren soll Evonik unter der Marke REXIM in Wuming (China) und Ham (Frankreich) bündeln – oder mit Partnern/Käufern weiterentwickeln. Deutschland verliert diese Stufe als Evonik-Produkt, nicht zwingend als europäische oder asiatische Versorgung.
Für Zulassungsinhaber (Marketing Authorisation Holder) heißt das: Wechsel des Herstellers in der Lieferkette, neue GMP-Audits, mögliche Variation der Zulassung. Das ist regulatorisch aufwendig, aber kein automatischer Versorgungsabriss – sofern Ham, Wuming oder ProChem die Spezifikation treffen.
Wirkung 2: Kosmetik bleibt in NRW, Hamburg fällt als Fertigungsort weg
Die Hamburger Schließung (50 Personen) ist Life Science im weiteren Sinn (Personal Care). Evonik verlagert die Aktivitäten an die Goldschmidtstraße in Essen und sagt, die Kundenversorgung bleibe gesichert. Essen ist bereits der historische Goldschmidt-Standort für Haut- und Haarpflege, Tenside und Konsumchemie. Zusätzlich hat Evonik 2024 in Steinau eine Emollient-Anlage eröffnet und 2024 das Evonik Skin Institute gegründet (Netzwerk u. a. in Deutschland, Spanien, Singapur, Indien).
Folge: weniger fragmentierte Labor- und Produktionsstruktur, potenziell schnellere Entwicklung an einem Knoten – und der Verlust eines Hamburger Fertigungs- und Know-how-Punkts. Quantifizierte Lieferengpässe sind nicht belegt.
Wirkung 3: Das strategische LS-Wachstum wandert aus Deutschland
Während Evonik in Deutschland Stellen und kleine Standorte streicht, fließt das größte dokumentierte Health-Care-Investment 2026 nach Vancouver:
- mehr als 150 Millionen CAD (rund 93 Millionen Euro) Eigenmittel,
- bis zu 68 Millionen CAD aus dem Strategic Response Fund Kanadas,
- neue GMP-Anlage für lipidbasierte Drug Products (LNP, Impfstoffe, Therapeutika),
- mehr als dreifache Fertigungskapazität gegenüber der bestehenden Vancouver-Anlage,
- Produktionsstart Ende 2029,
- laut Projektangaben 260 Jobs in Kanada.
Die Arbeitsteilung ist damit klar:
Deutschland (Hanau, Dossenheim) liefert Lipide und APIs in klinischem und kleinem kommerziellem Maßstab.
Nordamerika (Vancouver Formulierung/Fill, Birmingham kommerzielle LNP-Abfüllung, Lafayette/Tippecanoe größere Lipidmengen) skaliert das Drug Product.
Für deutsche Biotech- und Impfstoffkunden bleibt ein Lipidlieferant im Land. Die nächste Ausbaustufe der LNP-Arzneimittelherstellung entsteht aber nicht am Rhein-Main oder in Essen, sondern in British Columbia – mit öffentlicher kanadischer Kofinanzierung. Das ist eine Standortentscheidung, kein Produktionsstopp.
Wirkung 4: Qualifikation und Cluster
Hanau und Dossenheim sitzen im Rhein-Main-Neckar-Raum, einem der dichten Pharma- und CDMO-Cluster Deutschlands. Der Abbau von 260 Ketosäure-Stellen in Hanau trifft spezialisierte GMP-Chemie. Ein Teil der Kompetenz kann intern zu Lipiden oder zu ProChem wechseln; Evonik und der Betriebsrat hatten interne Vermittlung und den Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bis 2032 angekündigt. Ob 260 Personen in Lipid- oder CDMO-Jobs landen, ist nicht veröffentlicht.
Dossenheim (rund 200 Personen) bleibt der flexible API-/Lipid-Standort, der in der Pandemie zwei Speziallipide für BioNTech mitgeliefert hat. Eine Schließung ist nicht angekündigt. Ein Konzernabbau von 2.150 Deutschland-Stellen 2027–2029 kann gleichwohl Verwaltung, Analytik und Shared Services auch an gehaltenen LS-Standorten treffen – Evonik hat die 3.200 Stellen ausdrücklich auf alle Geschäfts- und Verwaltungseinheiten bezogen.
BASF: paralleler Schnitt im Nutrition-&-Health-Portfolio
Zum Vergleich, weil beide Konzerne denselben europäischen Kostendruck abarbeiten:
- BASF hat das Geschäft Food and Health Performance Ingredients inklusive Werk Illertissen und rund 300 Beschäftigten an Louis Dreyfus verkauft (Vollzug September 2025): Emulgatoren, Fettpulver, Pflanzensterole, CLA, Omega-3. Vitamine, Carotinoide und Futterenzyme bleiben.
- In Ludwigshafen endete 2025 unter anderem die Produktion von CPon, einem Baustein auch für Pflanzenschutz und pharmazeutische Wirkstoffe; Adipinsäure und CDon ebenfalls. Rund 180 Beschäftigte betroffen, Versorgung mit Kunden abgestimmt, Adipinsäure weiter in Korea und Frankreich.
- Das Sparprogramm CoreShift schließt die Sparte Nutrition & Care explizit ein (Fixkosten im Kerngeschäft bis 2029 um bis zu 20 Prozent). Eine LS-spezifische Stellenzahl hat BASF nicht genannt.
Muster wie bei Evonik: Life-Science-Randportfolios werden verkauft oder stillgelegt, Kernplattformen bleiben, Kopfzahl sinkt.
Was sich daraus ableiten lässt
Belegt:
- Die deutsche Evonik-Life-Science-Fertigung verschwindet nicht. Sie wird enger: Lipide und selected APIs ja, Ketosäuren unter Evonik-Flagge nein.
- Kunden von Ketosäuren müssen den Lieferanten wechseln (Ham, Wuming, ProChem oder Dritte). Das ist ein regulatorisches und audit-technisches Risiko, kein nachgewiesener Marktausfall.
- Kosmetikproduktion wird in Essen gebündelt; Hamburg entfällt als Werk.
- Das größte neue LS-Capex sitzt in Kanada, nicht in Deutschland.
- Hanau bleibt ein geteilter Pharma-Ort: Evonik-Lipide plus ProChem-CDMO.
Nicht belegt:
- ein Engpass bei mRNA-Lipiden oder Zellkulturmedien durch die deutschen Schließungen,
- ein messbarer Rückgang klinischer Studien in Deutschland,
- die genaue Zahl an Life-Science-Stellen innerhalb der 2.150 Deutschland-Kürzungen 2027–2029.
Die nüchterne Folgerung: Für die Life Sciences in Deutschland ist Evoniks Umbau kein Ausstieg, sondern eine Portfolio-Bereinigung plus geografische Arbeitsteilung. Verlierer sind unrentable API-Linien und kleine Standorte. Gewinner im Konzernportfolio sind Lipide, Drug Delivery und Personal Care an wenigen Knoten – mit dem Skalierungszentrum außerhalb Deutschlands.
