LÜTTICH. Ein neuer medizinischer Forschungsansatz könnte die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs grundlegend verändern, indem die Strahlentherapie gezielt als Werkzeug zur Aktivierung des Immunsystems genutzt wird.
Wie ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Universität Lüttich und des GIGA-Forschungszentrums im Fachjournal Nature Reviews Gastroenterology & Hepatology berichtet, bietet die Kombination aus klassischer Radiotherapie und modernen Immuntherapien eine vielversprechende neue Perspektive im Kampf gegen eine der aggressivsten Krebsarten weltweit. Das Ziel sei es, die Widerstandskraft der Tumore zu brechen und das Risiko für metastatische Rückfälle nach einer Operation entscheidend zu senken.
Die Festung des Tumors durchbrechen
Das Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) gilt in der Onkologie als extrem schwer therapierbar. Selbst wenn der Tumor frühzeitig erkannt und operativ entfernt wird, ist die Rückfallquote hoch. Die Ursache liegt in der komplexen Mikroumgebung des Tumors: Er umgibt sich mit einem dichten Bindegewebe (Stroma) und nutzt biologische Schutzmechanismen, die die Aktivität von körpereigenen Abwehrzellen unterdrücken. Aus diesem Grund zeigten herkömmliche Immuntherapien bei dieser Krebsart bislang kaum Wirkung.
Hier setzt der neue Ansatz der Wissenschaftler an. Bestrahlung soll demnach weit mehr tun, als Krebszellen direkt zu vernichten. Richtig dosiert und präzise gesteuert, verändere die Strahlung die Mikroumgebung des Tumors so, dass die Krebszellen für das Immunsystem überhaupt erst „sichtbar“ werden. Sie lockt Abwehrzellen an und bereitet den Boden dafür, dass anschließende Immuntherapien effektiv greifen können.
Parameter der Bestrahlung sind entscheidend
„Es reicht nicht aus, Strahlentherapie und Immuntherapie einfach nur nacheinander zu verabreichen“, erklärt Dr. Pierre Foidart, einer der Koordinatoren der wissenschaftlichen Arbeit. „Wir müssen genau verstehen, wie Faktoren wie die Strahlendosis, die zeitliche Aufteilung, die Präzision und die Abfolge der Behandlungen die Immunantwort beeinflussen, um das Zusammenspiel dieser beiden Methoden zu optimieren.“
In präklinischen und klinischen Studien werden derzeit bereits verschiedene innovative Strategien getestet. Dazu gehören präzisere, gewebeschonende Bestrahlungsformen, therapeutische Impfstoffe sowie der kombinierte Einsatz von Medikamenten, die gezielt in zelluläre Signalwege (wie das häufig mutierte KRAS-Protein) eingreifen.
Weg zu einer personalisierten Krebstherapie
Für den langfristigen Erfolg setzen die Mediziner auf Personalisierung. Mithilfe von biologischen Vorhersagemarkern (Biomarkern) und der Analyse von im Blut zirkulierender Tumor-DNA soll künftig im Vorfeld präzise bestimmt werden, welche Patienten am besten auf die jeweilige Kombination ansprechen.
An der systematischen Untersuchung waren neben den belgischen Medizinern aus Lüttich auch Experten des Instituts Gustave Roussy in Paris sowie des Fox Chase Cancer Center in Philadelphia beteiligt.
