Die sogenannte Regenfäule, fachlich Dermatophilose, ist eine bakterielle Hautinfektion. Auslöser ist das grampositive Bakterium Dermatophilus congolensis. Es ist vor allem aus der Veterinärmedizin bekannt. Seit Ende 2025 treten in mehreren europäischen Ländern Cluster beim Menschen auf. Viele Betroffene hatten keinen Kontakt zu Tieren. Gesundheitsbehörden gehen von einer Übertragung von Mensch zu Mensch durch engen Hautkontakt aus.
Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) stufte das Risiko für die Allgemeinbevölkerung als sehr gering ein. Die Erkrankung verläuft nach bisherigen Berichten milde und spricht auf Antibiotika an. Schwere Verläufe oder Todesfälle sind nicht dokumentiert.
Was das Bakterium bei Tieren anrichtet
Dermatophilus congolensis befällt vor allem Rinder, Pferde und Schafe, seltener andere Haus- und Wildtiere. Die Infektion heißt in der Tiermedizin Dermatophilose, umgangssprachlich Regenfäule, Regenekzem oder englisch „rain rot“ beziehungsweise „rain scald“.
Feuchtigkeit und hohe Luftfeuchtigkeit begünstigen den Ausbruch. Das Bakterium bildet bewegliche Zoosporen, die in Krusten lange überleben. Durchgeweichte Haut und kleine Verletzungen erleichtern das Eindringen. Typisch sind krustige, schuppige Hautveränderungen, oft entlang des Rückens.
Der Name bezieht sich auf diese Feuchtigkeitsabhängigkeit bei Tieren. Ein Spaziergang im Regen infiziert Menschen nicht.
Früher seltene Zoonose, jetzt Cluster ohne Tierkontakt
Beim Menschen galt die Infektion lange als seltene Zoonose. Ansteckungen entstanden durch direkten Kontakt mit erkrankten Tieren oder mit kontaminiertem Material wie Bürsten, Stroh oder Kleidung. Betroffen waren vor allem Landwirte, Tierärzte und Personen mit Hautverletzungen. Solche Fälle blieben vereinzelt. Eine anhaltende Übertragung von Mensch zu Mensch war nicht dokumentiert.
Ab Dezember 2025 änderten sich die Meldungen. Das ECDC veröffentlichte am 17. Juni 2026 eine Schnellrisikobewertung. Vier EU-Länder – Frankreich, Deutschland, Spanien und Schweden – hatten bis dahin 70 bestätigte Hautinfektionen gemeldet, vorwiegend bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben (MSM). Zusätzlich berichtete Norwegen über zehn Fälle im Zusammenhang mit Kampfsport. Österreichische Labore in Wien wiesen das Bakterium 2025 bei zehn und bis Mitte 2026 bei weiteren sieben Personen nach, überwiegend Männer.
Spätere Medienberichte und Behördenupdates bezifferten die Zahl bis Mitte/Ende August 2026 auf mehr als 120 Fälle in zehn Ländern, darunter auch die Niederlande, Dänemark, die Schweiz und das Vereinigte Königreich. Ein Fall in Schottland wurde mit dem Besuch einer Sex-Einrichtung in Verbindung gebracht. Die Zahlen sind nicht vollständig vergleichbar, weil die Infektion nicht überall meldepflichtig ist und Labore unterschiedlich testen.
In Deutschland beschrieb das Robert Koch-Institut (RKI) im Epidemiologischen Bulletin 22/2026 Fälle aus einem Berliner Labor: 16 Nachweise bis Mai 2026, später auf 17 ergänzt, aus Berlin und Brandenburg. Alle Betroffenen waren Männer, das Durchschnittsalter lag bei 45 Jahren. Symptome traten zwischen Dezember 2025 und April 2026 auf. Die Betroffenen gaben an, Sex mit Männern zu haben, und berichteten von Saunabesuchen in der wahrscheinlichen Inkubationszeit.
Wie die Übertragung nach derzeitigem Stand erfolgt
Das ECDC hält direkten Haut-zu-Haut-Kontakt für den wahrscheinlichsten Weg. Sexuelle Kontakte und der Aufenthalt in Sex-on-premises-Einrichtungen – etwa Saunen, in denen Sex stattfindet – tauchen in den Cluster-Untersuchungen wiederholt auf. Eine gemeinsame Umweltexposition in feucht-warmen Räumen gilt ebenfalls als plausibel. Indirekte Übertragung über Handtücher, Oberflächen oder andere Gegenstände ist nicht ausgeschlossen.
Ein zweiter Kontext sind Kontaktsportarten. In Norwegen hingen Fälle mit Kampfsport zusammen, teils nach Training im Inland, teils nach Reisen nach Thailand.
Ganzgenomsequenzierungen stützen die Annahme einer Mensch-zu-Mensch-Ausbreitung. Isolate aus französischen und spanischen Fällen lagen genetisch sehr eng beieinander (wenige Einzelbasenaustausche). Sie unterschieden sich deutlich von typischen Rinderisolaten. Das spricht für eine eigene, in menschlichen Netzwerken zirkulierende Linie und gegen eine Serie unabhängiger Zoonosen.
In einer französischen Untersuchung wurde die Inkubationszeit auf median knapp sechs Tage geschätzt, mit einer Spanne von zwei bis 22 Tagen.
Symptome und Verlauf beim Menschen
Die Infektion bleibt auf die Haut beschränkt. Systemische Beschwerden wie Fieber sind in den europäischen Clustern nicht beschrieben.
Typisch sind:
- juckender Hautausschlag
- papulöse und pustulöse Veränderungen, teilweise mit Eiter
- schuppige oder krustige Stellen
Häufig betroffen sind Genitalbereich, Leiste, Oberschenkel und Gesicht bzw. Bartregion. Schleimhäute waren in den dokumentierten Fällen nicht beteiligt.
Die Erkrankung kann selbstlimitierend verlaufen. In den gemeldeten Fällen heilten die Läsionen nach oraler oder topischer Antibiotikagabe folgenlos ab. Das ECDC und das RKI berichten über keine schweren Komplikationen. In französischen Berichten wurde unter anderem Amoxicillin eingesetzt. Spezielle europäische Leitlinien für die humane Infektion fehlen bisher.
Risikoeinschätzung der Behörden
Das ECDC bewertete im Juni 2026:
- Allgemeinbevölkerung: Gesamtrisiko sehr gering (sehr geringe Ansteckungswahrscheinlichkeit, sehr geringer Schaden wegen mildem Verlauf).
- MSM mit mehreren Sexualpartnern: Gesamtrisiko gering.
- MSM mit mehreren Partnern, die Sex-Einrichtungen besuchen: Ansteckungswahrscheinlichkeit mäßig, Gesamtrisiko wegen des milden Verlaufs weiterhin gering bzw. niedrig.
Die Behörde empfahl weitere epidemiologische und genomische Untersuchungen, Sensibilisierung von Ärzten und Laboren sowie gezielte, nicht stigmatisierende Hinweise an betroffene Gruppen und Betreiber entsprechender Einrichtungen. Hygiene in feucht-warmen Gemeinschaftsräumen soll verstärkt werden.
Was ungeklärt bleibt
Ob der Erreger dauerhaft in menschlichen Netzwerken zirkuliert, ist offen. Ebenso unklar ist der genaue Anteil sexueller Übertragung gegenüber gemeinsamer Umgebungsbelastung in Saunen. Die Quelle der in Europa zirkulierenden Linie ist nicht abschließend identifiziert. Weil die Infektion selten gesucht wurde, ist eine frühere Untererfassung möglich.
Für die breite Bevölkerung ändert sich nach der aktuellen Evidenz wenig: Ohne engen, wiederholten Hautkontakt in den beschriebenen Settings bleibt die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung sehr gering. Wer juckende, pustulöse Hautveränderungen nach entsprechendem Kontakt hat, sollte ärztlich abgeklärt werden. Die Diagnose erfolgt mikrobiologisch. Die Behandlung richtet sich nach dem klinischen Bild und dem Erregernachweis.
