Freier Wille lässt sich als „strukturierte Unvorhersehbarkeit“ konzeptualisieren und könnte künftig in KI-Systeme integriert werden, um menschliche Autonomie und Kreativität zu bewahren. Das schlagen Mory Ghomshei und Karim C. Abbaspour in einem theoretischen Beitrag vor, der am 13. Februar 2026 in Frontiers in Artificial Intelligence erschienen ist.
Die Autoren argumentieren, dass der Mensch durch freien Willen über deterministische Vorhersagen hinaus Neues, Sinnhaftes und Kulturelles in die Welt bringt – Eigenschaften, die Maschinen trotz hoher Intelligenz und Lernfähigkeit nicht endogen erzeugen können. Während KI-Systeme kausal-deterministisch oder probabilistisch auf Trainingsdaten und Optimierungszielen beruhen, führt menschliche Entscheidung zu Abweichungen, die ethisch, kulturell oder kreativ bedeutsam sind, ohne in reine Zufälligkeit abzugleiten.
Die Arbeit schlägt eine spekulative Erweiterung der Shannonschen Informationstheorie vor. Klassische Entropie misst Unsicherheit kausaler Prozesse. Die Autoren führen eine imaginäre Komponente ein, die freien Willen als zusätzliche Informationsdimension modelliert. Die erweiterte Entropie wird formal als komplexwertige Größe dargestellt, bei der der Realteil kausale Vorhersagbarkeit und der Imaginärteil volitionale Abweichungen abbildet. Der Betrag der komplexen Entropie quantifiziert das gesamte Informationspotenzial, der Phasenwinkel das relative Gewicht von Determination und freiem Willen.
Anhand von Kullback-Leibler-Divergenz zwischen KI-Vorhersagen und menschlichen Entscheidungen lässt sich der „informatorische Überschuss“ durch freien Willen messen. In Beispielen wie Routenplanung oder kreativer Generierung wird gezeigt, dass menschliche Umwege oder Stilentscheidungen (etwa kulturell geprägte Motive) eine Divergenz erzeugen, die über probabilistische Modelle hinausgeht.
Die Autoren betonen, dass unkontrollierte KI-Systeme zu informationaler Homogenität tendieren – vergleichbar mit thermodynamischem Gleichgewicht. Ohne ständige menschliche Neuheit drohe Stagnation. Freier Wille wirke als Gegenkraft, die Offenheit, Vielfalt und Anpassungsfähigkeit erhält. Ziel sei eine symbiotische Beziehung, in der KI menschliche Kreativität spiegelt und verstärkt, statt sie durch Optimierungszwänge einzuschränken.
Der Ansatz bleibt theoretisch und spekulativer Natur. Er dient als konzeptioneller Rahmen für künftige empirische und rechnerische Untersuchungen, etwa zur Operationalisierung in generativen Systemen, zur Quantifizierung volitionaler Beiträge in Verhaltensdaten oder zur Entwicklung hybrider Mensch-KI-Architekturen. Die Autoren fordern interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosophen, Informatikern und Ethikern, um den Vorschlag praktisch umsetzbar und ethisch tragfähig zu machen.
Die Studie erschien Open Access unter dem Titel „Free will as structured unpredictability: toward a symbiotic human–AI relationship“.
