Auf Social-Media-Plattformen verbreiten sich seit Tagen Verschwörungstheorien, wonach der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu getötet oder schwer verletzt worden sei und durch KI-generierte Deepfakes ersetzt wurde. Auslöser sind Videoausschnitte aus einer Pressekonferenz vom Freitag, in denen Nutzer einen angeblich sechsten Finger an Netanjahus rechter Hand erkennen wollen – ein typischer Fehler früherer generativer KI-Modelle bei der Darstellung von Händen.
Faktenchecker wie Snopes und PolitiFact haben die Behauptungen widerlegt: Der vermeintlich zusätzliche Finger lässt sich durch Videoqualität, Beleuchtung und Kompressionsartefakte erklären. Das fast 40-minütige Originalvideo übersteigt zudem die maximale Länge aktueller KI-Videogeneratoren bei Weitem.
Um die Gerüchte zu entkräften, veröffentlichte Netanjahu am Sonntag ein Video aus einem Café, in dem er seine Finger zählen lässt und fragt: „Zählt mit.“ Auch dieses Material wurde sofort als Deepfake bezeichnet. Kritiker wiesen auf Unregelmäßigkeiten hin: Flüssigkeit im Kaffeebecher bewege sich unnatürlich oder nehme nicht ab, ein Ring verschwinde und tauche wieder auf, das Kassendisplay zeige ein Datum aus 2024. Zudem wurde bemängelt, dass der angeblich Linkshänder mit der rechten Hand trinke.
Trotz solcher Beobachtungen fehlen bislang glaubwürdige Belege für eine Täuschung. Die Videos tragen weder C2PA-Content-Credentials noch SynthID-Metadaten, die Authentizität oder KI-Bearbeitung nachweisen könnten. Plattformen wie Instagram und YouTube markieren die Inhalte nicht als manipuliert oder authentisch.
Die anhaltende Unsicherheit zeigt, wie schwierig es in Zeiten leistungsfähiger KI geworden ist, Realität zweifelsfrei zu beweisen. Selbst bei fehlenden klaren Manipulationsspuren reicht der bloße Verdacht, um Misstrauen zu schüren – besonders vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen Israel, Iran und den USA.
US-Präsident Donald Trump warf am Sonntag auf Truth Social dem Iran vor, KI als „Desinformationswaffe“ zu nutzen, um falsche Angriffe auf die USA darzustellen, und forderte Strafen für Medien, die solches Material verbreiten.
Die Debatte unterstreicht eine wachsende Vertrauenskrise: Ohne technische Verifizierungssysteme oder vertrauenswürdige Quellen bleibt die Authentizität von Bildern und Videos zunehmend subjektiv – selbst bei scheinbar banalen Details wie der Art, wie jemand einen Kaffeebecher hält.
Quelle:
The Verge, „Benjamin Netanyahu is struggling to prove he’s not an AI clone – Proof-of-life videos would stand up better in a world where we can actually trust our eyes“, von Jess Weatherbed, veröffentlicht am 16. März 2026, 21:41 GMT+1
https://www.theverge.com/2026/3/16/benjamin-netanyahu-ai-deepfake-proof-of-life
