Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (DGKL), Jan Wolter, hat in einem Interview mit dem MedLabPortal staatlich finanzierte Vorhalte-Kapazitäten für die Produktion von Reagenzien und Arzneimitteln in Deutschland gefordert. Die aktuelle Sicherheitsarchitektur der Labormedizin sei auf die vielfältigen Bedrohungen nicht vorbereitet.

Wolter kritisiert die starke Abhängigkeit von Reagenzien-Importen aus Nicht-EU-Ländern. Ohne diese Reagenzien seien Analysegeräte wertlos. Gestörte Lieferwege durch Naturkatastrophen, Kriege, Terror, Pandemien, politische Instabilitäten oder steigenden globalen Bedarf könnten zu Verknappung, Preissteigerungen oder kompletten Ausfällen führen. Kliniken und Labore seien bei physischer und digitaler Absicherung weitgehend auf sich gestellt – hier brauche es mehr staatliche Unterstützung.
Zur Lösung fordert Wolter den Aufbau von Produktionskapazitäten vor Ort in Deutschland und Europa. Das Land verfüge über das notwendige Know-how in Biotech, Pharma und Medizintechnik, was zudem Arbeitsplätze schaffe. Höhere Produktionskosten in Deutschland müssten durch Steuermittel ausgeglichen werden, nicht aus Krankenkassenbeiträgen. Wolter zieht Vergleiche zur staatlichen Vorhaltung von Feuerwehrfahrzeugen, Sandsäcken oder Treibstofflagern: Reine Bevorratung reiche nicht aus, um langfristige Abhängigkeiten zu überbrücken – es brauche echte lokale Produktion.
Die Labormedizin sei essenziell für das Gesundheitssystem: Bei Ausfall stünden Diagnostik und Therapieüberwachung still, was zu mehr und längeren Krankheitsfällen führe. Bedrohungen seien vielfältig – von aggressiveren rivalisierenden Staaten über wachsende globale Verschuldung und instabile Länder bis hin zu Extremwetter durch Klimawandel.
Wolter rät von einer Ausweitung der Point-of-Care-Tests (POCT) ab und betont, dass professionelle Labore das Testen übernehmen sollten. Die DGKL als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft setzt sich für die Belange der Labormedizin ein.
Das Interview erschien am 6. Februar 2026 auf MedLabPortal. Die Fragen stellte Vlad Georgescu.
