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Helium-Engpass durch Sperrung der Straße von Hormuz: Schwere Auswirkungen auf die Halbleiterindustrie

Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten und die Blockade der Straße von Hormuz haben nicht nur den Öl- und Gasmarkt getroffen, sondern auch einen kritischen Engpass beim Edelgas Helium ausgelöst. Die Halbleiterindustrie, die weltweit für Chips in Smartphones, KI-Servern, Autos und Elektronik sorgt, ist besonders stark betroffen. Experten warnen vor sinkenden Produktionsausbeuten, steigenden Kosten und möglichen Verzögerungen in der globalen Chip-Versorgung.

Helium wird als Nebenprodukt der Erdgas- und LNG-Verflüssigung gewonnen und ist in der Chip-Fertigung unverzichtbar. Es dient als inertes Schutzgas, Kühlmittel und Purge-Gas bei hochpräzisen Prozessen wie Photolithographie, Plasma-Ätzen, Wafer-Kühlung und Lecksuche. Besonders in modernen EUV-Lithographie-Anlagen (unter 5 Nanometern) ist hochreines Helium (6N-Qualität, 99,9999 % Reinheit) ohne praktikable Alternative. Ein Mangel führt zu geringeren Ausbeuten, Überhitzung der Wafer und potenziell zum Stillstand von Produktionslinien.

Katar liefert normalerweise etwa ein Drittel des weltweiten Heliums – hauptsächlich aus dem Ras Laffan Industrial City. Iranische Angriffe auf die Anlage haben die Produktion weitgehend zum Erliegen gebracht. QatarEnergy hat Force Majeure erklärt, und die Schäden könnten Jahre zur Reparatur brauchen. Die Sperrung der Straße von Hormuz verhindert zudem den Export verbliebener Mengen. Dadurch fehlen plötzlich 27–35 % der globalen Helium-Versorgung. Spot-Preise sind bereits um 40 bis über 100 Prozent gestiegen.

Betroffene Chip-Hersteller und Regionen

  • Südkorea (Samsung, SK Hynix): Besonders hart getroffen. Südkorea bezog 2025 rund 65 % seines Heliums aus Katar bzw. der Golfregion. Die Unternehmen verfügen über strategische Reserven von etwa sechs Monaten, doch On-Site-Bestände sind deutlich geringer. Memory-Chips (DRAM, NAND-Flash, High-Bandwidth-Memory für KI) sind am stärksten gefährdet.
  • Taiwan (TSMC): Besser aufgestellt dank höherer Recycling-Raten (bis zu 90 % in modernen Fabs), diversifizierter Lieferanten und Vorräten von mehreren Monaten. Dennoch spüren auch hier Zulieferer erste Engpässe. TSMC produziert Logik-Chips für NVIDIA, Apple und andere.
  • Weitere Hersteller: Intel, Micron und chinesische Fabriken melden bereits erste Produktionsanpassungen. In China berichten Zulieferer wie VAT von spürbaren Auswirkungen auf die Tech-Supply-Chain.

Erste Effekte sind bereits sichtbar: Einige Produktionslinien in Asien melden Verzögerungen, und Unternehmen suchen fieberhaft nach Alternativen aus den USA oder anderen Quellen. Die Semiconductor Industry Association hatte bereits 2023 vor genau solchen „Shocks“ gewarnt.

Zeitlicher Verlauf und mögliche Folgen

  • Kurzfristig (bis 2–4 Wochen): Viele Fabs können mit bestehenden Lagern und Recycling weiterarbeiten. Preise steigen jedoch stark.
  • Mittelfristig (ab 4–8 Wochen): Sinkende Yields (Ausbeute), Priorisierung von KI- und Hochleistungs-Chips gegenüber Standardprodukten. Mögliche Produktionsdrosselungen.
  • Längerfristig (über 2–3 Monate): Engpässe bei Speicherchips und Advanced Nodes könnten zu Lieferverzögerungen bei Smartphones, Laptops, Autos (inkl. Elektrofahrzeuge), Servern und Netzwerkgeräten führen. Die boomende KI-Nachfrage würde zusätzlich unter Druck geraten.

Die Halbleiterindustrie verbraucht inzwischen schätzungsweise 20–24 % des globalen Heliums – Tendenz stark steigend durch den Ausbau von Fabs im Rahmen von CHIPS Act und ähnlichen Programmen. Experten von Resilinc und IDTechEx prognostizieren, dass der Bedarf bis 2030 oder 2035 weiter stark wachsen wird.

Auswirkungen auf Deutschland und Europa

Deutschland und Europa sind indirekt betroffen über die globale Lieferkette. Automobilindustrie, Maschinenbau und Elektronikhersteller (z. B. Infineon, Bosch) könnten bei längeren Engpässen spüren, dass Chips für Steuergeräte, Sensoren oder ADAS-Systeme knapper und teurer werden. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) und die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) beobachten die Lage genau. Lieferanten wie Linde und Air Liquide haben bereits auf Allokationen und Preisanpassungen hingewiesen.

Gibt es Alternativen?

Helium ist in vielen hochpräzisen Prozessen nicht einfach ersetzbar. Stickstoff oder Argon eignen sich nur für ältere Fabs, nicht für modernste 3-nm- oder 2-nm-Technologien. Hersteller setzen daher verstärkt auf Recycling (bis zu 90 % Rückgewinnung in Top-Fabs) und Diversifikation der Quellen. Die USA versuchen, ihre Produktion hochzufahren, doch sie können das katarische Volumen nicht kurzfristig ausgleichen. Langfristig fordern Experten mehr Investitionen in Recycling und neue Helium-Gewinnungsprojekte.

Die Bundesregierung und EU-Institutionen stehen im Austausch mit der Industrie, um Risiken zu minimieren. Wie lange die Blockade der Straße von Hormuz anhält, bleibt unklar – jede weitere Woche verschärft den Druck auf die ohnehin angespannte Chip-Versorgung.

Branchenvertreter raten zu Gelassenheit, aber Vorsicht: Die aktuelle Krise zeigt erneut die Fragilität globaler Lieferketten. Für Endverbraucher könnten sich Verzögerungen bei neuen Geräten oder Preisanstiege in den kommenden Monaten bemerkbar machen, falls der Konflikt andauert.

(Quellen: Berichte von Reuters, The New York Times, Financial Times, CNBC, US Geological Survey, Semiconductor Industry Association sowie Aussagen von Branchenexperten; Stand: 29. März 2026)

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LabNews.AI
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