Ein neuer kostenloser Online-Rechner namens TheGreatDisplacement.ai soll Arbeitnehmern in den USA das genaue Jahr nennen, in dem ihre Stelle durch Künstliche Intelligenz gefährdet oder ersetzt werden könnte. Entwickelt wurde das Tool von Scott McIntosh, Gründer der KI-Automatisierungsagentur DigitalTreehouse in Nashville und Herausgeber des AI-Newsletters SmartOwner. Nutzer geben ihren Jobtitel ein und erhalten eine personalisierte Einschätzung zum Automatisierungsrisiko, ein projiziertes Verdrängungsjahr sowie Handlungsempfehlungen.
McIntosh prägt den Begriff „The Great Displacement“ für die erwartete umfassende Umwälzung des Arbeitsmarkts durch KI, die er mit der Dimension der Großen Depression vergleicht. Die Prognosen des Rechners stützen sich auf Studien namhafter Institutionen: Gartner geht davon aus, dass bis Ende 2026 37 Prozent der Führungskräfte planen, Mitarbeiter durch KI zu ersetzen, und 20 Prozent der großen Unternehmen mehr als die Hälfte des mittleren Managements abbauen wollen. Goldman Sachs schätzt, dass bis 2028 weltweit 300 Millionen Arbeitsplätze betroffen sein könnten, darunter netto rund eine Million in den USA in einem Jahr. Der World Economic Forum und McKinsey prognostizieren bis 2030 global 85 bis 92 Millionen wegfallende Jobs, denen jedoch 97 bis 170 Millionen neue Stellen gegenüberstehen könnten, die KI-Kompetenzen erfordern.
McIntosh, US-Navy-Veteran mit MBA und langjähriger Erfahrung im Digitalmarketing, betreibt seit Juli 2025 die Agentur DigitalTreehouse und sieht die aktuelle Lage als kritisch: Nur 16 Prozent der Erwerbstätigen hätten KI bereits substanziell in ihren Alltag integriert. Der Rechner solle keine Panik schüren, sondern Betroffenen Zeit zur Vorbereitung geben.
Objektive Bewertung
Das Tool greift seriöse Quellen auf und fasst etablierte Prognosen nutzerfreundlich zusammen – ein Verdienst in Zeiten, in denen viele Beschäftigte die Tragweite der KI-Entwicklung unterschätzen. Die individualisierte Darstellung kann sensibilisieren und Weiterbildungsanreize setzen. Allerdings bergen jobtitelbasierte Vorhersagen methodische Schwächen: Automatisierbarkeit hängt nicht nur vom Titel ab, sondern von konkreten Aufgaben, Unternehmensstrategien, Regulierung, regionalen Arbeitsmärkten und der tatsächlichen Umsetzungsgeschwindigkeit von KI-Lösungen. Viele Studien – darunter die zitierten – betonen zudem die Netto-Schaffung neuer Jobs und die Transformation bestehender Rollen statt reiner Vernichtung. Die dramatische Framing als „Great Displacement“ und der Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise wirken bewusst alarmierend und dienen vermutlich der Aufmerksamkeitsgenerierung für McIntoshs Agentur und Newsletter. Ob die genauen Jahreszahlen wissenschaftlich robust sind, bleibt fraglich; sie beruhen auf Aggregationen und Annahmen, die sich schnell ändern können. Dennoch: Das kostenlose Angebot füllt eine Lücke bei der öffentlichen Information und kann als Einstieg in die Auseinandersetzung mit KI-Folgen für den eigenen Beruf dienen. Bis zur breiten Validierung solcher Prognosen sollten Nutzer die Ergebnisse als grobe Orientierung und nicht als unvermeidbares Schicksal verstehen.
