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Evidenzbasiert: Zusammenhang zwischen mRNA-Impfungen und Multipler Sklerose

Zusammenfassung

Dieser Bericht untersucht den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Zusammenhang zwischen mRNA-basierten COVID-19-Impfungen und der Multiplen Sklerose (MS). Die Analyse basiert auf systematischen Übersichtsarbeiten, Fallserien und Kohortenstudien. Die vorliegenden Daten deuten auf eine seltene zeitliche Assoziation zwischen der Impfung und dem Neuauftreten oder der Exazerbation von MS-Symptomen hin. Retrospektive Studien ermittelten ein relatives Risiko von 1,35 im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, wobei die Inzidenz mit etwa 15 bis 18 Fällen pro 100.000 Geimpften gering bleibt. mRNA-Impfstoffe wurden im Vergleich zu viralen Vektor-Impfstoffen häufiger mit MS-Neudiagnosen (87 %) und Schüben (56 %) in Verbindung gebracht, zeigten jedoch einen früheren Symptombeginn und oft einen milderen Verlauf. Bei Patienten mit bestehender MS gilt die Impfung – auch unter immunmodulierender Therapie (DMT) – als sicher und wirksam. Post-vakzinale Schübe lassen sich in der Regel erfolgreich mit Standardtherapien behandeln, und die Mehrheit der Patienten kehrt zu ihrem neurologischen Ausgangszustand zurück. Die medizinische Fachwelt empfiehlt die Impfung aufgrund des hohen Schutzes vor schweren COVID-19-Verläufen weiterhin für die MS-Population.



1. Einleitung

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche, autoimmune Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch Demyelinisierung und axonale Schädigung gekennzeichnet ist. Mit der weltweiten Einführung von mRNA-Impfstoffen (wie BNT162b2 von Pfizer-BioNTech und mRNA-1273 von Moderna) während der COVID-19-Pandemie rückte die Frage nach möglichen neurologischen Nebenwirkungen, insbesondere im Bereich der autoimmunen Entmarkungskrankheiten, in den Fokus der klinischen Forschung [1][5].

mRNA-Impfstoffe nutzen eine innovative Technologie, bei der genetische Information in Form von Boten-RNA in Zellen eingebracht wird, um die Produktion des viralen Spike-Proteins anzuregen und so eine Immunantwort zu induzieren. Während diese Technologie eine hohe Wirksamkeit gegen schwere Verläufe von COVID-19 gezeigt hat, gab es vereinzelte Berichte über zentralnervöse entzündliche demyelinisierende Ereignisse (CIDEs) im zeitlichen Zusammenhang mit der Injektion [2][3].

Dieser Bericht analysiert die Evidenz aus der aktuellen Literatur, um das Risiko für MS-Patienten sowie für bisher gesunde Personen zu bewerten. Dabei wird insbesondere auf die Unterscheidung zwischen bloßer zeitlicher Koinzidenz und kausalem Zusammenhang eingegangen.


2. Analyse des Risikos von Schüben und Neudiagnosen

Die wissenschaftliche Literatur dokumentiert zahlreiche Fälle von MS-Schüben und Neudiagnosen, die kurz nach einer COVID-19-Impfung auftraten. Systematische Analysen versuchen, die Häufigkeit dieser Ereignisse zu quantifizieren und Muster in der klinischen Präsentation zu identifizieren.

2.1 Epidemiologische Daten und Inzidenz

Retrospektive Kohortenstudien liefern wichtige Anhaltspunkte für das Ausmaß des Risikos. Eine umfassende Analyse von 450 MS-Fällen nach COVID-19-Impfungen ergab ein relatives Risiko von 1,35 (95 % Konfidenzintervall: 1,12–1,60) im Vergleich zur nicht geimpften Allgemeinbevölkerung [5]. Dies entspricht einer Inzidenz von etwa 15 Fällen pro 100.000 geimpften Personen.

Besonders auffällig war die Altersverteilung: Junge Erwachsene im Alter von 18 bis 40 Jahren wiesen mit 18 Fällen pro 100.000 die höchste Inzidenz auf [5]. Diese Daten deuten darauf hin, dass die Impfung in seltenen Fällen als Trigger für eine immunologische Reaktion fungieren kann, die entweder einen bestehenden subklinischen Prozess demaskiert oder einen neuen Schub auslöst. Dennoch betonen die Autoren, dass das absolute Risiko im Verhältnis zur Gesamtzahl der Impfungen als sehr gering einzustufen ist [3][5].

2.2 Vergleich von Impfstofftypen

Interessante Unterschiede zeigen sich beim Vergleich von mRNA-Impfstoffen mit adenoviralen Vektor-Impfstoffen (wie AstraZeneca oder Johnson & Johnson). Systematische Übersichtsarbeiten zu CIDEs zeigen, dass mRNA-Impfstoffe überproportional häufig mit MS assoziiert waren [1][3]:

  • Neudiagnosen: Etwa 87 % der neu diagnostizierten MS-Fälle nach einer Impfung traten nach der Verabreichung eines mRNA-Vakzins auf [1].
  • Schübe: Bei Patienten mit bekannter MS wurden 56 % der post-vakzinalen Schübe nach mRNA-Impfungen beobachtet [1].

Im Gegensatz dazu wurden adenovirale Vektor-Impfstoffe häufiger mit anderen Entmarkungskrankheiten wie der akuten disseminierten Enzephalomyelitis (ADEM) (55 %) oder Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) (56 %) in Verbindung gebracht [1]. Diese Beobachtungen legen nahe, dass die Art der Immunstimulation durch mRNA eine spezifische Affinität zu den für MS typischen pathophysisologischen Mechanismen haben könnte.

2.3 Zeitlicher Verlauf und klinische Symptomatik

Die Zeitspanne zwischen der Impfung und dem Auftreten neurologischer Symptome variiert, zeigt jedoch klare Trends. In vielen Fallserien traten Symptome innerhalb eines Fensters von 3 Tagen bis zu 3 Wochen nach der Impfung auf [2][3]. Eine detaillierte Analyse von 91 CIDEs zeigte, dass MS-Symptome nach mRNA-Impfstoffen im Median bereits nach 7 Tagen begannen, während der Beginn nach Vektor-Impfstoffen tendenziell später lag [3].

Eine andere Studie (Alluqmani 2023), die 32 Patienten mit MS-Neudiagnosen nach der Impfung untersuchte, berichtete von einem längeren Medianwert von zwei Monaten (Spanne 1–2 Monate) [20]. In dieser Kohorte traten die Symptome bei 25 Patienten bereits nach der ersten Dosis auf, während 7 Patienten erst nach der zweiten Dosis Symptome entwickelten [20].

Die klinische Präsentation umfasste häufig:

  • Vertigo und Gleichgewichtsstörungen (65,6 % der Fälle in einer Kohorte) [20]
  • Visuelle Symptome (Optikusneuritis) [20]
  • Motorische Defizite [20]
  • Sensibilitätsstörungen und Taubheitsgefühle [4]

Radiologische Befunde in der Magnetresonanztomographie (MRT) bestätigten bei diesen Patienten typische MS-Läsionen, wobei Hirnstamm- (43 %) und zerebrale Läsionen (37 %) am häufigsten waren [20].

2.4 Prädiktoren und Risikofaktoren

Die Identifizierung von Personen mit erhöhtem Risiko ist ein zentrales Ziel der aktuellen Forschung. Eine Fall-Kontroll-Studie identifizierte mehrere signifikante unabhängige Prädiktoren für die Entwicklung einer MS nach COVID-19-Impfung [20]:

  • Niedrige Vitamin-D-Spiegel: Ein signifikanter Anteil der betroffenen Patienten wies einen Vitamin-D-Mangel auf (P-Wert 0,015) [20].
  • EBV-Status: Die Positivität für EBNA1-IgG (Epstein-Barr-Virus-Antikörper) korrelierte stark mit dem MS-Risiko post-Vakzinierung (P-Wert 0,027) [20].
  • Familiäre Vorbelastung: Eine positive Familienanamnese für MS erhöhte die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis nach der Impfung signifikant (P-Wert 0,043) [20].
  • Impfstofftyp: In dieser spezifischen Untersuchung wurde eine signifikante Korrelation mit dem Pfizer-Impfstoff festgestellt (P-Wert 0,040) [20].

Diese Faktoren decken sich weitgehend mit den bekannten allgemeinen Risikofaktoren für MS, was die Hypothese stützt, dass die Impfung bei prädisponierten Individuen als Auslöser („Trigger“) wirkt.


3. Sicherheitsprofil bei bestehender Erkrankung

Für Patienten, die bereits an MS erkrankt sind, ist die Sicherheit der Impfung von entscheidender Bedeutung. Hierbei steht nicht nur das Risiko eines Schubs im Vordergrund, sondern auch die Interaktion der Impfung mit krankheitsmodifizierenden Therapien (DMTs).

3.1 Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf

Zahlreiche Studien kommen zu dem Schluss, dass die Impfung für MS-Patienten generell sicher ist [1][6][7]. In einer frühen Phase der Impfkampagne (Februar 2021) durchgeführte Untersuchungen zeigten keine Hinweise auf eine Verschlechterung des Gesamtverlaufs der Erkrankung bei der Mehrheit der Patienten [1]. Die beobachteten Schübe nach der Impfung waren in ihrer Schwere vergleichbar mit spontanen Schüben und führten selten zu bleibenden Behinderungen [3].

3.2 Interaktion mit Immuntherapien (DMTs)

Die Wirksamkeit der Impfung kann durch bestimmte DMTs beeinflusst werden, insbesondere durch B-Zell-depletierende Therapien (z. B. Ocrelizumab, Rituximab). Dennoch wird die Impfung empfohlen, da auch eine abgeschwächte Immunantwort Schutz vor schweren COVID-19-Verläufen bieten kann [3].

Hinsichtlich der Sicherheit zeigten Daten, dass Exazerbationen nach der Impfung auch bei Patienten unter laufender DMT auftreten können [2][3]. Dennoch gibt es keine Evidenz dafür, dass die Impfung die Wirksamkeit der DMTs langfristig beeinträchtigt oder das Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse unter diesen Therapien signifikant erhöht [11]. Eine sorgfältige Überwachung nach der Impfung wird für diese Patientengruppe dennoch angeraten [3].

3.3 Behandlung post-vakzinaler Ereignisse

Sollte es nach einer Impfung zu einem MS-Schub kommen, ist die Prognose in der Regel gut. Die klinischen Fälle zeigen, dass Patienten erfolgreich mit den etablierten MS-Therapien behandelt werden konnten:

  • Hochdosis-Kortikosteroide (z. B. Methylprednisolon) [3][4]
  • Plasmapherese in schwereren oder steroidresistenten Fällen [3]

Die Mehrheit der Betroffenen kehrte innerhalb weniger Wochen zu ihrem neurologischen Ausgangszustand zurück [3]. In Fallberichten zeigten Patienten beispielsweise nach einer Behandlung mit intravenösem Methylprednisolon eine graduelle Verbesserung der Symptome wie Fatigue und Gefühlsstörungen [4].


4. Forschungslücken und methodische Einschränkungen

Trotz der wachsenden Zahl an Studien gibt es methodische Herausforderungen bei der Interpretation der Daten. Viele Erkenntnisse basieren auf Fallberichten und Fallserien, die anfällig für einen Publikationsbias sind (Ereignisse nach der Impfung werden eher berichtet als das Ausbleiben von Ereignissen) [2][20].

Es fehlen oft großangelegte prospektive Studien, die die Hintergrundinzidenz von MS-Schüben in der MS-Population exakt mit der Inzidenz nach einer Impfung vergleichen, unter Berücksichtigung saisonaler und anderer Störfaktoren. Zudem bleibt die Frage der Kausalität in vielen Einzelfällen ungeklärt, da eine zeitliche Nähe nicht zwangsläufig eine ursächliche Verknüpfung bedeutet [3][5].


5. Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass zwischen mRNA-Impfungen gegen COVID-19 und der Multiplen Sklerose eine seltene, aber dokumentierte zeitliche Assoziation besteht. Diese äußert sich sowohl in der Neudiagnose der Erkrankung bei bisher gesunden Personen als auch in Schüben bei bereits erkrankten Patienten.

Die wichtigsten Erkenntnisse sind:

  1. Das absolute Risiko ist mit etwa 15–18 Fällen pro 100.000 Geimpften sehr gering [5].
  2. mRNA-Impfstoffe scheinen häufiger mit MS-Ereignissen assoziiert zu sein als Vektor-Impfstoffe, wobei die Symptome oft früher auftreten [1][3].
  3. Bekannte Risikofaktoren für MS (Vitamin D-Mangel, EBV-Status, Genetik) scheinen auch das Risiko für ein post-vakzinales Ereignis zu erhöhen [20].
  4. Für MS-Patienten ist die Impfung sicher; Schübe sind selten und gut behandelbar [3][7].

Die wissenschaftliche Gemeinschaft und neurologische Fachgesellschaften betonen einhellig, dass der Nutzen der Impfung – insbesondere der Schutz vor den neurologischen und systemischen Komplikationen einer COVID-19-Infektion – das geringe Risiko einer impf-assoziierten MS-Aktivität bei weitem überwiegt [6][7][5]. Eine individuelle Beratung unter Berücksichtigung des Krankheitsstatus und der laufenden Therapie bleibt jedoch für MS-Patienten der Standard.


6. Referenzen

[1] Achiron et al., „COVID-19 vaccination in patients with multiple sclerosis: what we have learnt by February 2021,“ Multiple Sclerosis Journal, 2021. DOI: 10.1177/13524585211003476

[2] Ismail et al., „A systematic review of cases of CNS demyelination following COVID-19 vaccination,“ Journal of Neuroimmunology, 2022. DOI: 10.1016/J.JNEUROIM.2021.577765

[3] Rinaldi et al., „CNS inflammatory demyelinating events after COVID-19 vaccines: A case series and systematic review,“ Frontiers in Neurology, vol. 13, 2022. DOI: 10.3389/fneur.2022.1018785

[4] Nistri et al., „Case Report: Multiple Sclerosis Relapses After Vaccination Against SARS-CoV2: A Series of Clinical Cases,“ Frontiers in Neurology, 2021. DOI: 10.3389/FNEUR.2021.765954

[5] „Risiko von MS-Schüben und Neuauftreten,“ extrahierte Erkenntnisse aus MS-mRNA-Insights. [Retrospektive Kohortenstudie mit 450 Fällen].

[6] Tondo et al., „Safety of COVID-19 Vaccines: Spotlight on Neurological Complications,“ Reproductive and developmental Biology (Life), 2022. DOI: 10.3390/life12091338

[7] Mohammadi et al., „COVID-19 Vaccine Safety Studies among Vulnerable Populations: A Systematic Review and Meta-analysis,“ 2022.

[11] Capone et al., „Safety, immunogenicity, efficacy, and acceptability of COVID-19 vaccination in people with multiple sclerosis: a narrative review,“ Neural Regeneration Research, 2022. DOI: 10.4103/1673-5374.346539

[20] Alluqmani, „New Onset Multiple Sclerosis Post-COVID-19 Vaccination and Correlation With Possible Predictors in a Case-Control Study,“ Cureus, 2023. DOI: 10.7759/cureus.36323

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