Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) hat in einem Interview mit der „Apotheken Umschau“ die Rolle der Apotheken bei der Reform des deutschen Gesundheitswesens hervorgehoben. Der Arzt und Politiker plädiert dafür, Apotheken durch erweiterte Leistungen stärker in die Versorgung einzubinden, um das System insgesamt zu entlasten und Prävention zu fördern. Gleichzeitig thematisiert er Fortschritte und Herausforderungen der Klinikreform. Diese Haltung stößt jedoch auf deutliche Kritik der Bundesärztekammer und anderer Ärzteverbände.
In dem am 12. Juni 2026 veröffentlichten Gespräch betont Philippi, dass neue Dienstleistungen in Apotheken – wie Impfungen, Gesundheitschecks oder erweiterte Beratungsangebote – dazu beitragen können, den Druck auf Arztpraxen und Kliniken zu verringern. Vor dem Hintergrund sinkender Apothekenzahlen, insbesondere in ländlichen Regionen, sieht er die Stärkung der Vor-Ort-Apotheken als zentralen Baustein einer zukunftsfähigen Versorgung. Die Bundesregierung müsse die Rahmenbedingungen verbessern, um die flächendeckende Präsenz zu sichern.
Philippi, der auch als Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz (GMK) aktiv ist, verbindet die Apothekenreform mit der laufenden Klinikreform. Beide Reformen sollen eine bessere Patientensteuerung und sektorenübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen. Er unterstreicht die Notwendigkeit, ambulante und stationäre Versorgung enger zu verzahnen, Wartezeiten zu verkürzen und Ressourcen effizienter einzusetzen. Apotheken könnten dabei eine wichtige Brückenfunktion übernehmen, etwa bei der Medikationsberatung oder der Unterstützung chronisch Kranker.
Der Minister warnt zugleich vor weiteren Schließungen von Apotheken und fordert Maßnahmen wie eine Anpassung des Packungsfixums, um die wirtschaftliche Situation der Betriebe zu stabilisieren. In ländlichen Gebieten seien Apotheken oft die erste Anlaufstelle für Patienten und trügen maßgeblich zur Versorgungssicherheit bei. Die Reformen müssten daher darauf abzielen, diese Strukturen zu erhalten und auszubauen.
Zur Klinikreform äußert sich Philippi zurückhaltend optimistisch. Er sehe Chancen in einer besseren Qualitätssteuerung und Spezialisierung der Häuser, mahnt aber eine ausgewogene Umsetzung an, die auch kleinere Einrichtungen in der Fläche berücksichtigt. Die Gesundheitsministerkonferenz setze sich für eine zukunftsfähige Versorgung „sicher.versorgt.überall.“ ein, die ambulante, stationäre und apothekerische Leistungen integriert.
Kritik der Bundesärztekammer
Die Position Philippis trifft auf deutlichen Widerspruch der Bundesärztekammer (BÄK) und weiterer Ärzteverbände. Diese sehen in der Ausweitung pharmazeutischer Kompetenzen auf diagnostische und therapeutische Aufgaben – wie erweiterte Impfbefugnisse, Früherkennungsuntersuchungen oder die Abgabe bestimmter verschreibungspflichtiger Arzneimittel ohne Rezept – eine Gefährdung der Patientensicherheit. Apotheker verfügten nicht über die notwendige ärztliche Qualifikation für solche Tätigkeiten, warnen die Kritiker. Die Reform konterkariere zudem Bemühungen um ein stärkeres Primärarztsystem und führe zu unnötigen Schnittstellen sowie Mehrbelastungen in den Praxen.
Beobachter werten Philippis Haltung als deutliche Abkehr von ärztlichen Standesinteressen. Als selbst praktizierender Arzt falle er der Ärzteschaft quasi in den Rücken, indem er Aufgabenverlagerungen unterstütze, die traditionell dem ärztlichen Bereich vorbehalten seien. Die BÄK hatte in offenen Briefen und Stellungnahmen mehrfach eine „rote Linie“ überschritten gesehen und vor Risiken für die Qualität der Versorgung gewarnt.
Das Interview fällt in eine Phase intensiver Debatten über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems. Experten sehen in einer stärkeren Einbindung der Apotheken Potenzial für Einsparungen und verbesserte Patientenversorgung, fordern jedoch klare Regelungen zur Qualitätssicherung und Vergütung neuer Leistungen. Ob die Reformen letztlich zu einer echten Entlastung oder zu neuen Konflikten führen, bleibt abzuwarten.
Verifizierte Quelle:
Apotheken Umschau: „Philippi im Interview über Apotheken- und Klinikreform“ (apotheken-umschau.de, 12. Juni 2026) sowie Stellungnahmen der Bundesärztekammer.
