Durham – Die starke Vergrößerung des Neokortex bei Primaten geht vor allem auf die Verarbeitung visueller Informationen zurück und nicht auf ein überproportionales Wachstum des Stirnhirns. Das zeigt eine Studie unter Leitung von Richard F. Kay von der Duke University, die in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde (DOI: 10.1126/science.aee3541).
Der Neokortex – die äußere, gefaltete Hirnschicht für Sinneswahrnehmung und höhere Funktionen – hat sich bei Primaten in den vergangenen 56 Millionen Jahren stark ausgeweitet. Bislang galt das Stirnhirn als treibende Kraft. Die Analyse virtueller Endocasts von Schädeln, darunter viele aus dem Duke Lemur Center, ergibt jedoch ein anderes Bild: Das Stirnhirn wuchs proportional zur Gesamthirngröße und folgt bei allen großen Primatengruppen demselben Skalierungsmuster.
Dagegen expandierten okzipitale, parietale und temporale Regionen – die stark der visuellen Verarbeitung dienen – bei Tarsiern und Anthropoiden (Affen, Menschenaffen und Menschen) rasch und überproportional. Diese Zunahme erfolgte entlang derselben evolutionären Linien, auf denen auch der Sehnerv größer wurde. Die beiden Gruppen mit dem größten, am stärksten sehdominierten Neokortex besitzen auch die größten Sehnervenkanäle. Die visuellen Hirnregionen wuchsen offenbar noch schneller als der zuführende Nerv.
Die großen Gehirne der Anthropoiden sind demnach ein mindestens 33 Millionen Jahre altes Merkmal und eng mit der Evolution hochauflösenden Sehens verbunden – einschließlich Anpassungen wie einer retinalen Fovea und knöcherner Augenschutz. Mögliche selektive Vorteile liegen in komplexerer sozialer Kommunikation oder effizienterer Nahrungssuche.

