Zum Inhalt springen

Größte molekulare Karte des Autismus zeigt gemeinsame Protein-Schaltstellen

San Francisco – Forschende der University of California in San Francisco haben die bislang umfangreichste molekulare Interaktionskarte für Autismus erstellt. Sie kartierten mehr als 1.800 Protein-Protein-Kontakte von 100 gut belegten Risiko-Genen; 87 Prozent dieser Kontakte waren zuvor unbekannt. Die Studie erschien in Science (DOI: 10.1126/science.ady4523).

Trotz großer genetischer Vielfalt laufen viele Veränderungen auf wenige gemeinsame Molekülkomplexe zu. Das Team um Belinda Wang, Rasika Vartak, Kirsten Obernier, Tomasz Nowakowski, Jeremy Willsey, Nevan Krogan und Matthew State untersuchte 54 patientenabgeleitete Mutationen. Diese veränderten Interaktionsnetze oft auf vorhersagbare, konvergente Weise.

Ein Beispiel: Unterschiedliche Mutationen in FOXP1 und FOXP2 störten dieselbe Bindung zwischen FOXP1 und FOXP4. In Hirnorganoiden führte das zu einer verfrühten Reifung kortikaler Nervenzellen und zu höherer Erregbarkeit von Schaltkreisen. Manche Mutationen bewirkten nicht nur einen Funktionsverlust, sondern eine schädliche Funktionszunahme, etwa über FOXP4.

Die Karte entstand durch Affinitätsreinigung und Massenspektrometrie. Strukturberechnungen mit AlphaFold zeigten, an welchen Schnittstellen Mutationen Bindungen lösen. Daraus ergeben sich mögliche Angriffspunkte: nützliche Kontakte zu stabilisieren oder schädliche zu blockieren. Nach Angaben der Autoren tragen rund 30 Prozent der Menschen mit schwerem Autismus seltene Mutationen mit großer Wirkung in bekannten Risiko-Genen.

Hintergrund

Seit zwei Jahrzehnten sind Hunderte Autismus-Risikogene bekannt. Unklar blieb, wie so unterschiedliche Mutationen ähnliche Entwicklungsveränderungen im Gehirn erzeugen und wie sich daraus Therapien ableiten lassen. Die Arbeit gehört zur Psychiatric Cell Map Initiative. Proteinnetzwerke statt einzelner Gene zu treffen, gilt als möglicher Weg, mehrere genetische Formen mit einem Wirkstoffansatz zu erreichen – im Unterschied zu gentherapeutischen Verfahren, deren Anwendung im Gehirn aufwendig bleibt.

Bewertung

Die Studie schließt eine Lücke zwischen Genliste und Zellmechanik. Die hohe Zahl neuer Interaktionen und die experimentelle Prüfung an Organoiden machen sie zu einem substanziellen Fortschritt, nicht nur zu einem Katalog.

Die therapeutische Reichweite ist vorerst begrenzt. Der Ansatz gilt vor allem für den Anteil mit seltenen Hochrisiko-Mutationen, nicht automatisch für die Mehrheit der Autismus-Spektrum-Störungen mit komplexer, polygener Grundlage. Organoide bilden das menschliche Gehirn nur unvollständig ab. Ob sich Bindungsstellen pharmakologisch im Gehirn sicher und spezifisch steuern lassen, ist offen. Der Wert liegt in einer Zielkarte und einem übertragbaren Rahmen – nicht in einer absehbaren Standardtherapie.

Journal

Science

DOI

10.1126/science.ady4523 

Autoren-Avatar
LabNews Media LLC
The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu
LabNews Media LLC

LabNews Media LLC

The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu