Zwischen Nike und Ares: Marita Vollborns Bronzen und die fragile Ikonografie des Friedens
Der Münchner Friedensengel ist eine der wirkmächtigsten Ikonen des 19. Jahrhunderts. 1899 eingeweiht, erinnert die 38 Meter hohe Anlage an die 25 Jahre Frieden nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Getragen wird sie von einer vergoldeten Nachbildung der Siegesgöttin Nike, die in der Rechten einen Ölzweig hält, in der Linken das Palladion der Athene. Die Ikonografie ist bezeichnend: Der Friede wird nicht als Abwesenheit von Gewalt gefeiert, sondern als Frucht des Sieges. Der sogenannte Engel ist, genau besehen, ein Friedensgenius – und die Figur stellt Nike dar, nicht einen christlichen Engel. Rund 125 Jahre später setzt die deutsche Bildhauerin und Journalistin Marita Vollborn, geboren 1965 in Erfurt, dieser Tradition eine radikale Desillusionierung entgegen. Ihre Bronzeskulptur „Friedensengel a.D.“ (2024, limitiert auf 15 Exemplare, 27 × 27 × 23 Zentimeter) zeigt einen außer Dienst gestellten Engel: gebrochene Flügel, die Federn zu Pfeilen…


