Addis Abeba/Kairo – Afrika gilt als der Kontinent mit der jüngsten Bevölkerung und einer wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Im Bereich der Biotechnologie hat sich in den vergangenen Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen: Weg von der reinen Abhängigkeit von Importen, hin zu einer eigenständigen Produktion und Forschung. Dennoch bleiben erhebliche strukturelle Defizite, insbesondere bei der präklinischen Validierung und der Finanzierung, bestehen.
Regulatorische und infrastrukturelle Ausgangslage
Die afrikanische Pharmaindustrie wächst zwar schneller als in vielen anderen Regionen, doch die Abhängigkeit von externen Wirkstoffherstellern bleibt hoch. Ein kritischer Engpass ist die präklinische Arzneimittelentwicklung. Wie in einer Analyse in Drug Discovery Today (2025) dargelegt, verfügt der Kontinent über lediglich zwei Einrichtungen, die GLP-zertifiziert (Good Laboratory Practice) sind. Ohne diese Zertifizierung ist die Vermarktung eigenständig entwickelter Medikamente kaum möglich, da regulatorische Anforderungen nicht erfüllt werden . Diese Lücke hemmt die Kommerzialisierung der reichen Biodiversität und des traditionellen Heilwissens, das Afrika besitzt.
Regionale Produktionszentren und Technologietransfer
Ein zentraler Hebel zur Überwindung dieser Hürden ist der Aufbau regionaler Produktionskapazitäten. Der afrikanische Dachverband Africa CDC unterstützte die Etablierung eines regionalen Biomanufacturing-Hubs für Nordafrika in Ägypten, das gemeinsam mit Marokko aufgebaut wird. Ziel ist die Stärkung der Impfstoffproduktion und der Biotech-Forschung .
Konkrete Technologietransfers wurden auf dem 2. Vaccine and Other Health Products Manufacturing Forum in Kairo im Februar 2025 vereinbart. So kündigte das ägyptische Unternehmen EVA Pharma eine Partnerschaft mit dem französischen Unternehmen DNA Script sowie den belgischen Firmen Quantoom Biosciences und Unizima an. Geplant ist die erste durchgängige, digitale mRNA-Produktionsplattform Afrikas mit einer angestrebten Kapazität von bis zu 100 Millionen Dosen pro Jahr . Parallel dazu vertiefte das ägyptische Unternehmen Biogeneric Pharma seine Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen mRNA-Hub Afrigen, um die mRNA-Technologieplattform für Krankheitsziele zu nutzen, die für die Region relevant sind .
Kontinentale Initiativen und Süd-Süd-Kooperation
Auf politischer Ebene wurde im Februar 2026 am Rande des AU-Gipfels die Initiative ACHIEVE Africa (Accelerating Health Innovation, Equity, and Development of Vaccines and Biologics in Africa) gestartet. Getragen von afrikanischen Staaten wie Sambia, Ägypten, Äthiopien, Nigeria, Ruanda und Südafrika sowie der Africa CDC und dem International Vaccine Institute (IVI), sieht die Initiative eine Anfangsinvestition von über 100 Millionen US-Dollar über fünf Jahre vor. Sie zielt darauf ab, die gesamte Wertschöpfungskette von der Genomik über die Antigen-Design bis hin zu klinischen Studien und regulatorischer Bereitschaft zu stärken. Ein explizites Ziel ist es, den AU-Vorgaben folgend bis 2040 60 Prozent des Impfstoffbedarfs lokal zu produzieren .
Internationale Partnerschaften über den Kontinent hinaus
Neben innergemeinschaftlichen Kooperationen gewinnen Partnerschaften mit asiatischen und westlichen Staaten an Bedeutung. Kenia und Südkorea intensivierten im August 2025 ihre Zusammenarbeit. Das Kenya Medical Research Institute (KEMRI) und das Korea Advanced Institute of Science and Technology (KAIST) verhandelten über ein Memorandum of Understanding zu Biomanufacturing, Impfstoffentwicklung, Technologietransfer und Kapazitätsaufbau. Das IVI kündigte zudem die Eröffnung eines Länderbüros in Kenia an, um die Impfstoffkapazitäten in Afrika strategisch zu unterstützen .
Ein weiteres Beispiel für Süd-Süd-Kooperation im Bereich der Diagnostik ist eine Unterlizenzierungsvereinbarung, die der Medicines Patent Pool (MPP) mit dem nigerianischen Unternehmen Codix Bio abschloss. Gestützt auf Technologie des südkoreanischen Herstellers SD Biosensor soll Codix Bio die Produktion von Schnelltests in Afrika aufnehmen .
Fazit
Das Biotech-Potenzial Afrikas ist substanziell, wird jedoch durch fragmentierte Regulierungslandschaften, fehlende GLP-Infrastruktur und die Notwendigkeit hoher Anfangsinvestitionen gebremst. Die jüngsten Initiativen zeigen eine klare Strategie: Durch gezielte Nord-Süd- und Süd-Süd-Partnerschaften sowie kontinentale Finanzierungsmechanismen sollen die Lücken in der Wertschöpfungskette geschlossen werden. Ob die gesetzten Ziele – insbesondere die 60-Prozent-Marke bei Impfstoffen bis 2040 – erreicht werden, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die präklinische Forschungskapazität auszubauen und stabile Nachfragestrukturen für lokal hergestellte Produkte zu schaffen.
