St Andrews (LabNews Media LLC) – Fledermäuse stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit ursprünglich aus Europa und haben sich von dort aus vor rund 65 Millionen Jahren über den gesamten Globus ausgebreitet. Zu diesem Ergebnis kommt die bislang umfassendste kombinierte Untersuchung von Erbgutdaten und Fossilien in der Geschichte der Evolutionsbiologie. Die im Fachjournal Nature veröffentlichte Arbeit eines internationalen Forschungsteams von 137 Wissenschaftlern aus 64 Ländern widerlegt damit bisherige Hypothesen, die den Ursprung der einzigen fliegenden Säugetiere in Asien, Afrika oder Nordamerika vermutet hatten (DOI: 10.1038/s41586-026-11007-3).
Für die Studie, die im Rahmen des globalen Konsortiums „Bat1K“ durchgeführt wurde, entschlüsselten und analysierten die Forscher hochpräzise Genome von 103 Fledermausarten. Damit deckten sie alle 21 heute anerkannten Fledermausfamilien systematisch ab. Diese Gendaten verknüpften sie mithilfe neuer computergestützter Modellierungsverfahren mit den anatomischen Merkmalen von 44 weltweit gefundenen fossilen Ur-Fledermäusen. Die Rekonstruktion des Stammbaums ergab, dass die frühesten Nachfahren der europäischen Ur-Fledermäuse zunächst nach Afrika wanderten und von diesem europäisch-afrikanischen Knotenpunkt aus schrittweise Asien, Amerika und Australien besiedelten.
Zudem liefert das evolutionäre Modell Antworten auf die seit Jahrzehnten debattierte Frage, wann Fledermäuse ihre charakteristische Echoortung mittels Ultraschall entwickelten. Durch die Einordnung der fossilen Fledermausgattung Vielasia in den ältesten Zweig des Stammbaums wiesen die Forscher nach, dass die Echoortung bereits vor der Aufspaltung der modernen Fledermausfamilien existierte. Demnach bildeten sich die beiden biologischen Schlüsselmerkmale – der aktive Flug und das Biosonar – sehr nah am eigentlichen evolutionären Ursprung der Gruppe heraus. Dies begründet laut den Autoren den außergewöhnlichen evolutionären Erfolg der Tiere, die heute mit mehr als 1500 Arten rund ein Fünftel aller lebenden Säugetierarten ausmachen.
Neben der Rekonstruktion des ancestralen Ur-Genoms bietet die geschaffene Datenbasis auch eine wichtige Grundlage für die Humanmedizin. Fledermäuse weisen im Verhältnis zu ihrer Körpergröße eine außergewöhnliche Langlebigkeit auf und besitzen eine hocheffiziente Immunität gegen schwere Krankheitserreger. Die lückenlose genetische Landkarte ermöglicht es Wissenschaftlern nun, gezielt nach jenen Genen und Mechanismen zu suchen, die für diese Krankheitsresistenz und die verlangsamte Zellalterung verantwortlich sind, was langfristig die medizinische Alterns- und Immunforschung beim Menschen unterstützen könnte.

