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Technischer Cyberdefense-Bericht: Warum der BND über das Berliner Rhysida-Leak kompromittierbar sein kann. Analyse der Angriffsvektoren, Netzgrenzen und Identitätskopplung – Stand 6. September 2026

Wichtiger Vorbehalt: Es gibt keine öffentliche forensische Bestätigung, dass BND-Produktivsysteme selbst übernommen wurden. Die folgende Argumentation zeigt technische Pfade, über die ein Angreifer aus dem bekannten Berliner Kompromittat in BND-relevante Identitäten, Dokumente, Übergänge oder Folgezugriffe gelangen kann. Das ist der Unterschied zwischen „BND gehackt“ und „BND technisch exponiert“.


1. Bekannter Vorfall in technischen Eckdaten

  • Täter: Rhysida (Double Extortion). Primärvektor laut CISA/FBI-Advisory und ersten Berliner Forensikhinweisen: gültige Accounts an externen Remote-Diensten, typisch VPN ohne MFA; ergänzend Phishing. Nach Initial Access: Privilege Escalation, NTDS-/Credential-Dump, Living-off-the-Land, Persistenz über legitime Remote-Tools (u. a. AnyDesk-Klasse).
  • Dwell Time: Zugriff mindestens 7.–12. August 2026, Isolation der betroffenen Senatsnetze vom BeLa erst um den 14.–17. August. Mehrere Tage ungestörter Exfiltration.
  • Beute: ca. 1,44 Mio. Dateien / ~5,8 TB, inkl. Klartext-Passwörter für Fachverfahren und Zahlungsdienstleister, Personalakten, VS-nahe Unterlagen, KRITIS-Analysen, Geodaten.
  • Architekturhinweis: Die zwei getroffenen Senatsverwaltungen betreiben eigene IT und hängen nicht unmittelbar am ITDZ-Vollbetrieb. Sie sind aber über das Berliner Landesnetz (BeLa) angebunden. Genau diese Hybridlage (eigene Domain + BeLa-Peering) ist für Lateral Movement gefährlich.

2. Relevante Netzarchitektur (BeLa ? Bund)

BeLa (ITDZ Berlin):

  • Privater Adressraum 10.0.0.0/9, öffentlicher Bereich 141.15.0.0/16, IPv6 2a02:1022::/32.
  • Komponenten: Multi-Service-Network (MSN), Grenznetz, zentrales Internet-Gateway inkl. Web-Security, zentrales Mail-Gateway, IPsec Site-to-Site-VPN, Standortfirewalls, IDS an Fremdnetzzugängen.
  • Verbindliche Anschlussbedingungen des IT-NetzG / Verbindungsnetzes. Behörden sollen keine eigenen Zugänge zu den Netzen des Bundes unabhängig vom ITDZ betreiben. Gleichzeitig ist die Anbindung BeLa ? Netz des Bundes (NdB) explizit Teil der Berliner Netzplanung (Bandbreitenerweiterung dokumentiert).

Netze des Bundes / Bund-Länder-Verbindungsnetz:

  • NdB verbindet Bundesbehörden und hat Schnittstellen zu Landesnetzen.
  • Zugang zum Bund-Länder-Verbindungsnetz: SINA-Box (VPN-Gateway) + MPLS-Router + Netzabschluss, IPv4/IPv6, kein Internet-Transit.
  • Der BND als Bundesoberbehörde kommuniziert über diese Bundesinfrastruktur bzw. darüberliegende Geheimschutz-Overlays – nicht über das offene Internet.

Kritischer Befund aus dem Leak selbst:
Internes Berliner Protokoll (Februar 2026): „Kein digitaler Geheimschutz (im strengen Sinne) in der Berliner öffentlichen Verwaltung möglich, da SINA-Infrastruktur nicht umgesetzt.“ Verschlusssachen lagen damit auf normalen File-Servern im Verwaltungsnetz, nicht in einer SINA-enclaved Domain.

Das ist der zentrale technische Bruch: BND-Seite SINA / VS-Netz, Berliner Seite Klartext-File-Share im BeLa. Sobald Inhalte die Grenze überqueren (Mail, Austauschordner, Projektshare, USB, Dienstleister), existiert eine unverschlüsselte Kopie außerhalb des BND-Perimeters.


3. Angriffsvektoren, die den BND technisch erreichen können

Vektor A – Credential Pivot (höchste praktische Wahrscheinlichkeit)

Rhysida hat Klartext-Passwörter aus Office-Dateien und Fachverfahren abgezogen. Das ermöglicht:

  1. Password-Reuse gegen Bundeskonten derselben Personen (Dienstleister, Projektmitarbeiter Kanzleramt-/Liegenschaftsbau, KRITIS-Koordination, ehemalige Landesbedienstete mit späterem Bundeseinsatz).
  2. Pass-the-Hash / Kerberos innerhalb der kompromittierten Senats-AD, danach Jagd auf Accounts mit Gruppenmitgliedschaften wie VPN-User, Exchange, GIS-Admin, KRITIS-Share.
  3. Service-Accounts für Schnittstellenverfahren (Wohngeld, Bau, Geodaten, Zahlungsdienstleister). Solche Accounts haben oft hohe Privilegien und selten MFA.
  4. Session-/Token-Diebstahl aus Mailboxen: E-Mails von/an Bundesbehörden enthalten häufig Einladungslinks, SharePoint-/Nextcloud-Links, Zertifikatsanforderungen, Ticketnummern.

Technisch reicht ein wiederverwendetes Passwort oder ein gültiges Refresh-Token, um aus dem Landeskompromittat in ein Bundesverfahren zu springen. Der BND selbst muss dafür nicht „offen im Internet“ stehen.

Vektor B – BeLa als Transit, NdB-Gateway als Ziel

Kompromittierungspfad in Schichten:

Internet
  ? Senate-VPN (ohne MFA)          [bestätigter Hinweis]
    ? eigene IT der Senatsverwaltung (AD, Fileserver)
      ? BeLa-Peering (MSN / Standortfirewall)
        ? BeLa-Grenznetz / Mail-GW / IDS-bypass bei Insider-Traffic
          ? BeLa–NdB-Übergang (IT-NetzG-Anschluss)
            ? Bund-Länder-Verbindungsnetz
              ? logische Netze von Bundesbehörden

Die getroffenen Häuser waren nicht ITDZ-zentral verwaltet. Ein Angreifer sitzt also in einer weniger standardisierten Insel, die trotzdem geroutet an das Landesnetz angeschlossen ist. Insel-IT + Peering ist klassisch der Ort, an dem:

  • Routing-ACLs zu weit sind,
  • Site-to-Site-IPsec nach „innen“ als vertrauenswürdig gilt,
  • IDS primär den Internet-Rand überwacht, nicht Ost-West-Traffic aus einer „eigenen“ Senatsdomain.

Von dort ist das Ziel nicht „BND-Core knacken“, sondern:

  • den NdB-Übergang scannen,
  • Management-Interfaces der Standortfirewall/SINA-Gegenstelle erreichen,
  • Mail- und Verzeichnisdienste abgreifen, die Bund-Land-Verkehr führen.

Vektor C – SINA-Lücke = VS-Daten im gleichen Trust-Domain wie Family-Fotos

Der Leak enthält laut Sichtung neben KRITIS, Karten und Controlling auch private Medien auf denselben Shares. Das bedeutet keine Trennung von:

  • VS-NfD / interne Sicherheitsanalysen,
  • Personalakten,
  • Geodaten,
  • Alltagsdateien.

SINA existiert genau deshalb: Ein Kompromittat des Büronetzes darf Verschlusssachen nicht im Klartext mitnehmen. Ohne SINA gilt:

  • Jede Domain-Admin-Übernahme der Senats-IT = Vollzugriff auf VS-Kopien.
  • Diese Kopien können inhaltlich identisch mit Unterlagen sein, die der BND oder das Kanzleramt in eigenen SINA-Netzen hält (Zivilverteidigung, KRITIS Berlin, Kasernen, Kanzleramts-Erweiterung, Rüstungsstandorte).
  • Der BND ist dann nicht netztechnisch „drin“, aber geheimschutztechnisch kompromittiert: Need-to-know, Quellen, Schwachstellenbilder, Objektlisten.

Das ist für einen Nachrichtendienst oft der relevantere Schaden als ein Shell auf einem BND-Server.

Vektor D – Geodaten, KRITIS-Pläne, Objektkunde

Im Datensatz liegen umfangreiche Karten-/Geodaten und Schwachstellenanalysen zu Strom, Wasser, Tanklagern, Notstrom, Umspannwerken, Gefängnissen, Bundeswehr und Rüstung.

Technische Wirkung auf den BND:

  • Die BND-Zentrale in der Chausseestraße ist ein hochwertiges physisches Ziel mit eigener Autarkie (u. a. Notstrom). KRITIS-Analysen Berlins beschreiben genau die Abhängigkeiten, die ein hybrider Angreifer gegen Regierungsviertel und Nachrichtendienst-Liegenschaften nutzen würde.
  • GIS-Layer + Bauakten + Kanzleramts-Erweiterung (~550 Dateien, inkl. LKA-Stellungnahmen) ergeben zielgenaue Reconnaissance, die sonst erst über HUMINT/SIGINT teuer erzeugt werden müsste.
  • Wer die Berliner Wasser-/Stromverwundbarkeit kennt, kennt indirekt die Versorgungsannahmen für Bundesliegenschaften in Mitte.

Das ist Kompromittierung der Lage- und Schutzplanung, nicht unbedingt der BND-Firewall.

Vektor E – Gemeinsame Dienstleister und Management-Ebene

BND, Landesverwaltung und Bundesliegenschaften teilen in Berlin häufig:

  • Bau-/FM-Dienstleister,
  • Planungsbüros,
  • GIS-Auftragnehmer,
  • teilweise VPN-/Firewall-Hersteller (öffentlicher Beschaffungsmarkt).

Technische Konsequenz:

  • Kompromittierte Projektshares enthalten Zugangsdaten zu Baustellen-WLAN, Zutrittslisten, Schließplänen, temporären VPN-Profilen für Gutachter.
  • Dieselbe Appliance-Familie (VPN-Konzentrator, Mail-Gateway) kann dieselbe CVE oder dieselbe Fehlkonfiguration (kein MFA, split-tunnel, zu breite allowed_groups) tragen.
  • Rhysida bleibt nach Zugriff oft über legitime Remote-Software persistent. Ein Dienstleister-Laptop, der sowohl Senats- als auch Bundesprojekte bedient, ist ein klassischer cross-tenant jump host.

Vektor F – Mail-Gateway und Dokumentenfluss als C2-unabhängiger Kanal

BeLa betreibt ein zentrales Mail-Gateway im Grenznetz. Nach Domain-Kompromittierung kann der Angreifer:

  • Transportregeln einfügen (BCC an externe Drops),
  • OAuth-/App-Passwörter aus Nutzerprofilen ziehen,
  • Anhänge von @bund.de / Sicherheitsbehörden nachträglich aus Mailstores extrahieren,
  • interne Verteiler zu KRITIS, Inneres, Bau, Liegenschaften abgreifen.

Der BND muss dafür nicht denselben Exchange haben. Es reicht, dass ein offizieller Schriftverkehr (Beteiligung, Stellungnahme, Sicherheitsüberprüfung, Bau, Objektschutz) in der kompromittierten Mailbox landete.


4. Konkret: Wann wäre der BND „kompromittiert“?

Technisch sind vier Kompromittierungsgrade zu trennen:

GradZustandPlausibilität aus dem bekannten Leak
G1 DokumentVS-/KRITIS-Inhalte, die der BND selbst hält oder nutzt, liegen im Klartext im DarknetHoch – SINA fehlte, KRITIS/Verteidigung/Kanzleramt sind im Datensatz
G2 IdentitätAccounts von Personen/Dienstleistern mit BND-Bezug sind wiederverwendbar oder phishbarHoch – Klartext-Passwörter + Personendaten
G3 TransitAngreifer erreicht BeLa–NdB-Übergang oder Bund-Land-Mail/DirectoryMittel – Peering existiert, Insel-IT der Senatsverwaltungen, lange Dwell Time
G4 HostShell/C2 auf BND-SINA- oder NdB-internem SystemUnbelegt – eigener hoher Perimeter; nur über G2/G3 plus zusätzliche Fehler denkbar

Für die Bewertung „BND betroffen“ reichen in der Nachrichtendienstpraxis bereits G1 und G2. Ein Dienst, dessen Objekt- und Personenschutzannahmen öffentlich liegen und dessen Umfeldidentitäten gehandelt werden, ist operativ beschädigt – auch ohne Root auf dem eigenen Domain-Controller.


5. Warum gerade Rhysida-TTPs hier greifen

Rhysida bricht selten „den BND“, sondern den schwächsten authentisierten Rand:

  1. Externes VPN, nur Passwort.
  2. Lokale Admin-Rechte auf dem ersten Host.
  3. ntdsutil / DCSync gegen die Senats-AD.
  4. Shares mit Everyone/Domain Users und ohne Classification-Enforcement.
  5. Exfil über vorhandene HTTPS/Cloud/Remote-Tools, daher wenig Anomalie am Internet-Rand.
  6. Zweite Erpressungsstufe: Leak, nicht nur Verschlüsselung.

Die Berliner SINA-Lücke macht Schritt 4 zum Geheimschutzversagen. Die BeLa–NdB-Kopplung macht Schritt 3 zum potenziellen Bundesproblem, sobald ein Account oder ein Routing-Vertrauen über die Landesgrenze reicht.

Zusätzlicher Verstärker: Nach Bekanntwerden wurden Home-Office-VPNs der betroffenen Häuser gekappt. Das bestätigt, dass der Remote-Access-Pfad als Einfallstor bzw. als weiter nutzbarer Kanal bewertet wurde – genau der Pfad, den Rhysida standardmäßig fährt.


6. Technische Folgerungen (nicht organisatorische Floskeln)

  1. Jeder BeLa-NdB-Übergang muss als feindliches Netzmodell behandelt werden: keine implizite Trust aus „Landesbehörde“, sondern Zero-Trust + MFA + gerätegebundene Zertifikate (idealerweise SINA-Box beidseitig).
  2. VS-Dokumente dürfen nicht auf BeLa-Fileservern liegen. Ohne SINA-Workstation/SINA-L3 gibt es keinen digitalen Geheimschutz – das Leak beweist die Aussage des Februar-Protokolls.
  3. Klartext-Passwörter in Office-Dateien sind als Domain-Kompromittierung zu werten, nicht als „lästige Unordnung“. Sofort: krbgt-Reset, alle Service-Accounts rotieren, Password-Spray gegen Bundes-IdPs aus dem Leak fahren (durch die Behörden selbst).
  4. Ost-West-Monitoring in Insel-IT der Senatsverwaltungen war offenbar unzureichend (Tage Exfil). Ein BND-relevanter Share in so einer Insel ist ein unüberwachter Exportkanal.
  5. Dienstleister-Laptops mit Dual-Projektzugang sind der wahrscheinlichste G3?G4-Sprung. Die müssen isolierte Profiles / separate Hardware / kein Split-Tunnel haben.

7. Fazit

Der BND ist nicht deshalb gefährdet, weil „alles in Berlin liegt“. Er ist gefährdet, weil drei technische Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:

  • ein mehrere Tage ungestört kontrolliertes Landes-AD mit Klartext-Geheimnissen,
  • ein offizieller Netzübergang BeLa ? NdB,
  • kein SINA-Overlay auf der Landesseite, obwohl VS- und KRITIS-Stoff dort lag.

Unter diesen Bedingungen kann der BND kompromittiert sein, ohne dass ein Angreifer jemals eine BND-SINA-Box gesehen hat: über gestohlene Identitäten, über geleakte Schutz- und Objektlagen, und über Trust an der Bund-Land-Netzgrenze. G4 (direkter Host-Zugriff) ist spekulativ. G1 und G2 sind aus den bekannten Artefakten bereits die rational zu unterstellende Arbeitshypothese.

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The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu
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