Warum die AfD die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 mit absoluter Mehrheit gewinnen könnte: Eine medien- und kommunikationstheoretische Betrachtung unter Einbeziehung der Agenda-Setting-Theorie
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt. Vier Monate vor dem Urnengang zeigt die aktuelle repräsentative Umfrage von Infratest dimap (im Auftrag von MDR, Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme, Erhebung 29. April bis 5. Mai 2026) die AfD bei einem Rekordwert von 41 Prozent – ein Plus von zwei Punkten gegenüber September 2025. Die CDU liegt bei 26 Prozent, die Linke bei 12 Prozent, die SPD bei 7 Prozent; Grüne und BSW erreichen jeweils nur 4 Prozent und würden damit an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Diese Konstellation würde die Mandate stark konzentrieren und der AfD bereits mit 41 Prozent der Stimmen eine deutliche Sitzmehrheit bescheren; ein moderater Zuwachs bis September würde für die absolute Mandatsmehrheit (über 50 Prozent der Sitze) reichen. Politiker wie AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und Bundeschefin Alice Weidel sprechen explizit von diesem Ziel als realistisch.
Diese Entwicklung speist sich nicht allein aus inhaltlichen Positionen oder reiner Protestwahl. Entscheidend ist die mediale und kommunikationstheoretische Dynamik, die Umfrageerfolge in ein selbstverstärkendes Momentum verwandelt. Hier greifen Bandwagon-Effekt, Postmans Unterhaltungslogik der Politik und die Agenda-Setting-Theorie ineinander.
Der Bandwagon-Effekt: Wähler bevorzugen den medial dargestellten Sieger
Wähler tendieren dazu, den wahrgenommenen Sieger zu unterstützen – aus psychologischen (sozialer Anschluss) und strategischen Gründen (Einfluss auf Regierungsbildung). Medien verstärken dies durch Rahmungen wie „Rekord“, „klarer Favorit“ oder „unaufhaltsam“. Die aktuelle Berichterstattung über die AfD in Sachsen-Anhalt folgt exakt diesem Muster und erzeugt eine self-fulfilling prophecy.
Vergleich mit der Nixon-Wahl 1972: Mediale Unvermeidbarkeit als Momentum-Booster
Richard Nixons Erdrutschsieg 1972 profitierte von frühzeitiger medialer Darstellung als unaufhaltsamer Front-Runner. Umfragen und „bandwagon journalism“ schufen ein Momentum, das den Vorsprung bis zum Wahltag selbst trug. Ähnlich inszenieren Medien heute die AfD in Sachsen-Anhalt als „stärkste Kraft“ und potenzielle Alleinregierungspartei – ein narratives Momentum, das in Ostdeutschland besonders wirkt, wo Unzufriedenheit mit der Bundespolitik hoch ist.
Neil Postmans Medientheorie: Politik als Unterhaltung
In Amusing Ourselves to Death (1985) beschreibt Postman, wie Medien (heute ergänzt durch Social Media) Politik in Spektakel verwandeln. Kurze, emotionale, dramatische Formate dominieren rationale Diskurse. Die AfD liefert genau dieses Spektakel: provokante, virale Kommunikation, die selbst negative Berichte in Aufmerksamkeit ummünzt. Etablierte Parteien wirken dagegen als langweilige Kontinuität. Die Umfrage-Berichterstattung unterstreicht den „Sieger“-Status und macht die AfD zum zentralen Unterhaltungsthema.
Die Agenda-Setting-Theorie: Medien bestimmen, worüber wir nachdenken – und die AfD dominiert die Agenda
Die Agenda-Setting-Theorie von Maxwell McCombs und Donald Shaw (1972) liefert die theoretische Grundlage für diesen Prozess. Kernannahme: Massenmedien erzählen uns nicht, was wir denken sollen, sondern worüber wir nachdenken sollen. Durch selektive Betonung von Themen und Akteuren setzen sie die öffentliche Agenda – sie erhöhen die Salience (Wichtigkeit) bestimmter Issues und Akteure. Es gibt zwei Ebenen: die erste (welche Themen salient werden) und die zweite (welche Attribute eines Akteurs oder Themas hervorgehoben werden, auch Framing genannt).
In Sachsen-Anhalt und Ostdeutschland wirkt Agenda-Setting besonders stark zugunsten der AfD. Die Berichterstattung der letzten Monate kreist obsessiv um die AfD-Umfragen, ihren „Rekordwert“ und die Möglichkeit einer absoluten Mehrheit. Dadurch wird die Partei selbst zum zentralen Thema – unabhängig davon, ob die Berichte positiv oder (überwiegend) kritisch sind. Gleichzeitig werden AfD-Kernthemen wie Migration, Kritik an der Bundespolitik, Wirtschafts- und Energiekrise sowie „Überforderung des Staates“ permanent auf die Agenda gesetzt. Selbst wenn Medien die AfD als „rechtsextrem“ einordnen, halten sie genau diese Issues im öffentlichen Bewusstsein präsent und signalisieren: Das sind die drängendsten Probleme.
Empirische Studien bestätigen diesen Mechanismus: Mainstream-Parteien und Medien übernehmen zunehmend AfD-Positionen und -Frames (z. B. bei Migration), was die extreme Rechte indirekt stärkt und normalisiert. Die AfD profitiert doppelt: Sie bestimmt nicht nur die Themen, sondern erscheint als die „kompetente“ Kraft auf genau diesen Agenda-Items. In Ostdeutschland, wo traditionelle Medien skeptischer betrachtet werden und alternative Kanäle (X, TikTok) eine größere Rolle spielen, verstärkt sich dieser Effekt. Die ständige Präsenz der AfD in der Berichterstattung macht sie zum „relevantesten“ Akteur – ein klassischer Agenda-Setting-Effekt, der Wähler mobilisiert und den Bandwagon-Effekt zusätzlich antreibt.
Der Vergleich zu Nixon 1972 greift hier erneut: Auch dort setzte die mediale Agenda Themen (Wirtschaft, Außenpolitik), auf denen der Amtsinhaber stark stand, und marginalisierte die Schwächen des Gegners. Heute in Sachsen-Anhalt setzt die Berichterstattung über die AfD selbst die Agenda – und die AfD gewinnt dadurch an Salience und Kompetenzzuschreibung.
Interaktion der Theorien: Ein selbstverstärkender Kreislauf
Agenda-Setting bildet die Basis: Es macht AfD und ihre Issues salient. Postmans Unterhaltungslogik sorgt dafür, dass diese Salience dramatisch und emotional vermittelt wird. Der Bandwagon-Effekt schließlich verwandelt die mediale Darstellung des „Siegers“ in tatsächliche Wahlentscheidungen. In Sachsen-Anhalt verstärkt die Fragmentierung des Parteiensystems (Scheitern von Grünen und BSW an der Hürde) diesen Kreislauf: Weniger Konkurrenz im Parlament bedeutet mehr Mandatsanteil für die AfD bei gleichem Stimmenanteil.
Zusammengefasst: Die aktuelle Umfragedynamik (41 Prozent, steigend), die mediale Rahmung als unaufhaltsamer Favorit und die theoretisch fundierten Mechanismen von Agenda-Setting, Bandwagon-Effekt und Postmanscher Spektakellogik schaffen ein Umfeld, in dem die AfD bis September 2026 weiter an Momentum gewinnen könnte. Wie bei Nixons 1972er-Landslide könnte die mediale Vorab-Inszenierung als Sieger genau das fehlende Momentum für die absolute Mehrheit erzeugen. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt von den nächsten vier Monaten ab – die kommunikationstheoretischen Voraussetzungen sind jedoch bereits erfüllt. Die Wahrscheinlichkeit einer Alleinregierung der AfD ist real und nicht mehr nur theoretisch.
