Marita Vollborn ist Bildhauerin, Journalistin und in der DDR aufgewachsen. Ihre Bronze-Skulptur „ARES“ wird 2027 auf der London Art Biennale zu sehen sein – doch eine Ausstellung in den USA lehnt sie derzeit bewusst ab. Im Interview erklärt sie, warum sie die Wahlentscheidung der Amerikaner respektiert, aber die Aushöhlung institutioneller Kontrollen nicht akzeptiert, was sie den Wählern vor den Midterms empfiehlt und ob Gavin Newsom ein Hoffnungsträger für die Kunstfreiheit sein kann.
Marita, deine Kunst ist politisch, und ARES wirst du kommendes Jahr auf der London Art Biennale ausstellen, aber nicht in Washington D.C. Warum?
Weil Kunst für mich nicht unter Bedingungen funktionieren soll, die kritische Stimmen systematisch aushöhlen. Ich respektiere die Wahlentscheidung der amerikanischen Wählerinnen und Wähler – das ist ihre demokratische Entscheidung. Aber was ich nicht akzeptieren kann, ist die Erosion der Checks and Balances, also jener Institutionen, die Macht begrenzen sollen. Solange diese Kontrollmechanismen nicht verlässlich funktionieren und der Raum für kritische Positionen nicht kalkulierbar sicher ist, konzentriere ich mich auf europäische Plattformen . ARES ist kein antiamerikanisches Werk – es richtet sich gegen Militarismus und Profitgier, wo immer sie auftreten. Aber ich zeige es dort, wo ich die Bedingungen für unbequeme Kunst als gegeben ansehe.
Du hast gesagt, dass du den Willen des amerikanischen Volkes bei Wahlen respektierst, aber funktionierende Checks and Balances vermisst. Was empfiehlst du den amerikanischen Wählern für die Midterms kommende Woche?
Ich empfehle ihnen, genau jene Institutionen zu stärken, die Macht begrenzen – nicht die, die Macht konzentrieren. Demokratie ist mehr als ein Wahlakt allein; sie lebt von der fortwährenden Existenz funktionierender Kontrollmechanismen, von der Herrschaft des Rechts und von der Freiheit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen . Wer zur Wahl geht, sollte fragen: Wer verteidigt die Unabhängigkeit der Gerichte, die Pressefreiheit, die Gewaltenteilung? Wer sieht Kunst und kritische Öffentlichkeit als Teil demokratischer Infrastruktur und nicht als Störfaktor? Die Midterms sind eine Gelegenheit, jene Kräfte zu stärken, die diese Kontrollen nicht als Hindernis, sondern als Fundament begreifen.
Viele deiner Skulpturen befassen sich mit dem, was Politiker wie Trump ausmacht. Es geht um Macht, Missbrauch, Gier, Interessenkonflikte. Befürchtest du nicht, in Zukunft an Einreisen in die USA gehindert zu werden?
Diese Sorge ist nicht unbegründet, und sie ist Teil meiner Entscheidung. Wenn ich öffentlich sage, dass ich unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht ausstellen will, dann ist das eine bewusste Setzung – keine Angst, sondern eine Konsequenz. Ich habe als investigative Journalistin über Jahrzehnte hinweg gelernt, dass unbequeme Positionen Folgen haben können. Aber ich lasse mich davon nicht leiten. Sollte ich irgendwann nicht einreisen dürfen, wäre das ein Kommentar über die Verhältnisse, nicht über meine Arbeit. Der leere Sockel, den ich in Kauf nehme, ist selbst eine Aussage .
Erinnert dich das Verhalten der jetzigen US-Regierung an deine DDR-Vergangenheit?
Es erinnert mich an Mechanismen, nicht an Identitäten. Ich bin in einem System aufgewachsen, das Kunst und freies Denken zensierte, in dem Institutionen, die Macht begrenzen sollten, zu Werkzeugen der Macht wurden . Ich habe 1989 mit vielen anderen für Veränderung protestiert. Diese Erfahrung hat eine bleibende Überzeugung hinterlassen: Ich kenne den Unterschied zwischen echter institutioneller Begrenzung und ihrer bloßen Fassade. Wenn ich heute in den USA Entwicklungen sehe, in denen Kontrollmechanismen unter Druck geraten, dann alarmiert mich das – nicht weil ich Amerika mit der DDR gleichsetze, sondern weil ich weiß, wie Institutionen erodieren können, wenn niemand sie verteidigt.
Aber es gibt durchaus Bundesstaaten, die sich gegen Trumps Gehabe wehren. Beispielsweise Kalifornien. Wäre das ein Ort, um doch auszustellen?
Ich verfolge das aufmerksam. Kalifornien hat in der Tat Signalwirkung – etwa bei der Verteidigung künstlerischer Ausdrucksfreiheit, wie die Gesetzgebung zum Schutz von Künstlern vor der Verwendung ihrer Texte als Beweismittel zeigt . Aber meine Entscheidung ist keine geografische, sondern eine institutionelle. Solange die föderalen Rahmenbedingungen für kritische Kunst und für die Sicherheit kritischer Stimmen nicht verlässlich sind, bleibt meine Antwort dieselbe. Das heißt nicht, dass ich Kalifornien nicht als ermutigendes Zeichen sehe. Es heißt nur, dass ich meine Arbeit nicht als Testballon in einem föderalen Konflikt verstehe.
Und Gavin Newsom? Ist das der Hoffnungsträger, der die Kunstfreiheit in den USA wiederbeleben kann?
Gavin Newsom hat als Gouverneur von Kalifornien durchaus Akzente gesetzt – etwa mit dem „Decriminalizing Artistic Expression Act“, der künstlerische Ausdrucksformen vor strafrechtlicher Verwertung schützt . Er hat sich auch öffentlich zur Bedeutung von Kunst und freier Expression bekannt. Aber Hoffnungsträger sind keine Einzelpersonen. Kunstfreiheit wird nicht von einem Gouverneur wiederbelebt, sondern von Institutionen, von Gerichten, von Parlamenten, von einer Öffentlichkeit, die sie einfordert. Ich wäre vorsichtig damit, meine Hoffnungen an eine Person zu hängen. Was ich sehe, ist ein Signal aus Kalifornien, dass Widerstand möglich ist. Ob daraus dauerhafte institutionelle Sicherungen werden, ist eine andere Frage.
Danke für deine Zeit.

