Die Ergänzung einer achtsamkeitsbasierten Therapie bei Opioidkonsumstörung durch Ketamin könnte die Fähigkeit der Betroffenen stärken, Körpersignale wahrzunehmen und darauf zu reagieren – Veränderungen, die dazu beitragen können, das Verlangen nach Opioiden zu reduzieren. Das berichten Forschende der University of California San Diego School of Medicine in einer am 5. November im „Journal of Psychopharmacology“ veröffentlichten Studie (DOI: 10.1177/02698811261495546).
„Sucht kann es Betroffenen extrem schwer machen, die Vorgänge in ihrem Körper wahrzunehmen und angemessen auf die Genesung zu reagieren“, sagte Eric Garland, Professor für Psychiatrie an der UC San Diego School of Medicine und Hauptautor der Studie. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass Ketamin in Kombination mit Achtsamkeitsübungen Betroffenen helfen könne, diese inneren Signale besser wahrzunehmen und gezielter darauf zu reagieren, anstatt automatisch dem Suchtverlangen nachzugeben. Die neuen Erkenntnisse bauen auf einer randomisierten klinischen Studie auf, die im März 2026 in „Nature Mental Health“ veröffentlicht wurde.
An der Studie nahmen 68 Erwachsene mit Opioidkonsumstörung teil, die Buprenorphin einnahmen. Sie wurden zufällig entweder der Gruppe zugeteilt, die ausschließlich die achtsamkeitsorientierte Genesungsförderung (MORE) erhielt, oder der Gruppe, die MORE mit zwei Sitzungen ketaminassistierter Psychotherapie kombinierte. MORE ist eine achtwöchige, evidenzbasierte Mind-Body-Therapie, die Achtsamkeit mit Techniken verbindet, um stressige Erfahrungen neu zu bewerten und positive Erlebnisse bewusst wahrzunehmen. Frühere klinische Studien zeigten, dass MORE den Opioidmissbrauch um 45 Prozent reduziert und bei Menschen, die Medikamente gegen Opioidkonsumstörung einnehmen, die Rückfallquote um 42 Prozent senkt. In der früheren Studie berichteten Teilnehmende mit MORE plus Ketamin von deutlich weniger Drogenkonsum und geringerem Verlangen nach Opioiden drei Monate nach der Behandlung als die Gruppe mit MORE allein; über den Zeitraum von Behandlungsende bis zur Nachbeobachtung hatte die Ketamingruppe 44 Prozent weniger Drogenkonsum.
Die neue Studie untersuchte, warum die kombinierte Behandlung diese Vorteile erzielen könnte. Im Mittelpunkt stand die Interozeption – die Fähigkeit, Signale aus dem Körperinneren wie Atmung, Herzschlag oder Anspannung wahrzunehmen, zu interpretieren und darauf zu reagieren. Während der Behandlung und einen Monat danach erhielten die Teilnehmenden dreimal täglich Smartphone-Nachrichten, die fragten, wie bewusst sie ihre Körpersensationen in diesem Moment wahrnahmen. Körperbewusstsein nahm bei den Teilnehmenden mit MORE plus Ketamin schneller zu, wobei der Zuwachs etwa zum Zeitpunkt der ersten Ketaminsitzung auftrat und bis zur Nachbeobachtung nach einem Monat erhalten blieb.
Die Forschenden fanden zudem, dass Teilnehmende mit Ketamin größere Verbesserungen bei zwei Fähigkeiten zeigten: auf den Körper zu hören, um nützliche Informationen zu erhalten, und Körperbewusstsein zur Regulation von Belastung zu nutzen. Beide Verbesserungen zusammen waren mit geringerem Opioidverlangen drei Monate später verbunden. „Verlangen ist nicht nur ein Gedanke, es kann im ganzen Körper erfahren werden“, sagte Garland. Achtsamkeit lehre Menschen, diese Empfindungen wahrzunehmen, ohne sofort darauf zu reagieren; die Befunde legten nahe, dass ketamininduzierte Erfahrungen diesen Lernprozess beschleunigen oder vertiefen könnten, sodass Körpersensationen zu nützlichen Informationen für die Selbstregulation würden statt zu Auslösern für Drogenkonsum.
Die Forschenden betonen, dass die Ergebnisse vorläufig sind. Die Analyse beruhe auf Selbstauskünften zum Körperbewusstsein, und die Teilnehmenden wussten, dass sie Ketamin erhielten. Größere Studien mit objektiven Maßen dafür, wie Gehirn und Körper innere Signale verarbeiten, seien nötig. Künftige Forschung könne auch prüfen, ob Ketamin ein vorübergehendes Zeitfenster schafft, in dem das Gehirn besonders empfänglich für neue Achtsamkeits- und Selbstregulationsfähigkeiten ist. „Das Ziel ist nicht einfach nur, Heißhungerattacken zu vermeiden“, sagte Garland. „Es geht darum, Menschen dabei zu helfen, Fähigkeiten zu entwickeln, die sie in ihren Alltag integrieren können – Fähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, die Signale ihres Körpers zu erkennen, schwierige Gefühle zu regulieren und Entscheidungen zu treffen, die die Genesung unterstützen.“ An der Studie war unter anderem Benjamin Lewis von der University of Utah beteiligt. Gefördert wurde sie teilweise durch eine Spende von Tanya und Richard Andrew sowie durch Förderprogramme der National Institutes of Health. Garland ist Direktor von UC San Diego ONEMIND; er erhielt Honorare für Seminare und Vorträge sowie Tantiemen aus dem Verkauf von Büchern zu MORE.
