Der Münchner Friedensengel ist eine der wirkmächtigsten Ikonen des 19. Jahrhunderts. 1899 eingeweiht, erinnert die 38 Meter hohe Anlage an die 25 Jahre Frieden nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Getragen wird sie von einer vergoldeten Nachbildung der Siegesgöttin Nike, die in der Rechten einen Ölzweig hält, in der Linken das Palladion der Athene. Die Ikonografie ist bezeichnend: Der Friede wird nicht als Abwesenheit von Gewalt gefeiert, sondern als Frucht des Sieges. Der sogenannte Engel ist, genau besehen, ein Friedensgenius – und die Figur stellt Nike dar, nicht einen christlichen Engel.
Rund 125 Jahre später setzt die deutsche Bildhauerin und Journalistin Marita Vollborn, geboren 1965 in Erfurt, dieser Tradition eine radikale Desillusionierung entgegen. Ihre Bronzeskulptur „Friedensengel a.D.“ (2024, limitiert auf 15 Exemplare, 27 × 27 × 23 Zentimeter) zeigt einen außer Dienst gestellten Engel: gebrochene Flügel, die Federn zu Pfeilen umfunktioniert, abgemagert, mit nutzlosen Händen, aufschreiend zu Gott. Wo die Münchner Nike noch den Sieg in den Frieden überführt, ist bei Vollborn der Frieden selbst zur Ruine geworden. Die Frage, die ihre Arbeit stellt – ob dieser Engel sich jemals regenerieren und Frieden zwischen Ländern, Völkern und Glaubensgemeinschaften bringen kann – ist keine rhetorische.
Vollborns zweite zentrale Arbeit, „ARES“ (2015, Bronze, Auflage 12, ca. 34 × 29 × 30 Zentimeter), benennt die Gegenfigur: den griechischen Kriegsgott, verkörpert als Militarismus, ungezügelte Gewalt und die Profitgier hinter Konflikten . Die Künstlerin, die in der DDR aufwuchs und als investigative Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalistin arbeitet, versteht die Skulptur als Auseinandersetzung mit den tieferen Mechanismen der systematischen Ausbeutung von Konflikten durch Mächtige. „Mehr als 80 Millionen Tote in zwei Weltkriegen haben offenbar nicht ausgereicht, um Wettrüsten und Kriegshetze zu stoppen“, sagte sie . Ares erscheint hier nicht als heldische Idealgestalt, sondern als rohe, bedrohliche Kraft – als Warnung vor der menschlichen Ambivalenz, wie leicht Macht, Gier und Ideologie in Gewalt umschlagen .
Internationale Resonanz: Chianciano, London und die Institutionalisierung
Vollborns Arbeit hat in der internationalen Kunstwelt Aufmerksamkeit erzeugt. Auf der 9. Chianciano Biennale 2026 in der Toskana (15. bis 29. August) zeigte sie „ARES“ als „Selected Artist“ unter rund 300 internationalen Positionen . Die Biennale vergab 96 Auszeichnungen; Vollborn gewann nicht den Hauptpreis, qualifizierte sich jedoch über den institutionellen Weg für die London Art Biennale 2027 . Die offizielle Gewinnerliste des Chianciano Art Museum führt sie unter zehn Künstlerinnen und Künstlern, die automatisch für London zugelassen sind .
In Chianciano vollzog sich zudem ein entscheidender Schritt: Vollborn übergab „ARES“ als dauerhafte Schenkung an die Sammlung des Chianciano Art Museum . Die Skulptur wandelte sich damit von einem temporären Ausstellungsstück zu einem dauerhaften öffentlichen Mahnmal in der Toskana . Dieser Schritt ist konsequent vor dem Hintergrund ihres Leitsatzes „Critical Art Comes Before Commerce“ – die Institutionalisierung abseits des kommerziellen Kunstmarkts entspricht ihrer Überzeugung, dass die gesellschaftspolitische Botschaft über dem materiellen Profit steht .
Die Qualifikation für London 2027 bedeutet, dass „ARES“ als Leihgabe aus der italienischen Museumssammlung im Vereinigten Königreich gezeigt wird . Der Weg von den thermalen Hügeln der Toskana in die Chelsea Old Town Hall ist auch eine geografische Verschiebung: von einem Ort der Heilung und Erholung in ein Zentrum des internationalen Kunstbetriebs . Ob die Skulptur dort als Kriegsmahnung oder als eine Arbeit unter vielen gelesen wird, bleibt abzuwarten – die Figur ist elf Jahre alt und trifft dennoch den aktuellen Debattenraum .
Biografie und Haltung: Von der DDR zur kritischen Bildhauerei
Vollborns Biografie ist für das Verständnis ihrer Kunst zentral. Sie studierte Agronomie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Journalistik in Hannover, war als Lebensmitteltechnologin tätig und arbeitet seit 1992 als freie Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalistin, unter anderem für „Spiegel Online“ und den „Deutschlandfunk“ . Zusammen mit Vlad Georgescu veröffentlichte sie Bücher wie „Die Gesundheitsmafia“, „Die Joghurt-Lüge“ und „Die Viren-Lüge“ – Titel, die ihr Misstrauen gegenüber institutioneller Macht und kommerzieller Interessenverflechtung dokumentieren. Ihre Bücher fanden Aufnahme in die Bibliothek des Bundestags und die Library of Congress .
Seit 2010 arbeitet sie intensiv als Bildhauerin; ihr Projekt „Sinn und Scherben“ umfasst rund 50 Ton- und Bronzeskulpturen, die menschliche Ambivalenzen zwischen Stärke und Schwäche, Macht und Schuld ausloten . Die Bildhauerei versteht sie als Gegenpol zur faktenbasierten Sprache des Journalismus: In der Skulptur forme sie mit den Händen, was sich nicht in Worte fassen lässt .
Ihre Haltung zu politischer Verantwortung ist von der eigenen Geschichte geprägt. „Ich bin unter einem System aufgewachsen, das Kunst, Philosophie und freies Denken zensierte“, sagte sie . 1989 stand sie unter den friedlichen Protesten, die zum Fall der Mauer beitrugen . Diese Erfahrung habe eine bleibende Überzeugung hinterlassen: Demokratie sei nicht nur das Recht, einmal zu wählen, sondern die fortdauernde Existenz funktionierender Checks and Balances . „ARES“ sei aus derselben Überzeugung entstanden – sie kenne den Unterschied zwischen echter institutioneller Begrenzung und deren bloßer Fassade .
Die Gegenwart als Prüfstein
Diese Perspektive hat in der Gegenwart an Dringlichkeit gewonnen. Vollborn hat öffentlich erklärt, „ARES“ derzeit nicht in den USA ausstellen zu wollen – nicht aus Feindseligkeit gegenüber dem amerikanischen Volk, dessen demokratische Entscheidung sie ausdrücklich respektiert, sondern aus Sorge um die Erosion institutioneller Gegengewichte und die Bedingungen kritischen Diskurses . Sie verwies auf die beiläufige Erwägung militärischer Optionen gegen souveräne Territorien und die Großmacht-Rhetorik, die sie als inakzeptabel bezeichnete . „Kriege – und selbst die offene Drohung mit Krieg – sind für mich ein No-Go“, sagte sie .
UN-Generalsekretär António Guterres warnte im Oktober 2026, die Welt erlebe eine „kriegerische El-Niño-Erscheinung“: Konflikte breiteten sich über Regionen aus, und ihre Folgen reichten über Energiemärkte, Schifffahrtsrouten, Lieferketten und Finanzsysteme bis in entfernte Gesellschaften. Von der Ukraine über den Sudan bis in den Nahen Osten würden Zivilisten und zivile Infrastruktur gezielt angegriffen. In einer solchen Lage sind Arbeiten wie die Vollborns unbequem. Sie verweigern die tröstliche Geste.
Der Münchner Engel hält einen Ölzweig – ein Symbol, das seinen Wert gerade darin hat, dass es jederzeit gebrochen werden kann. Vollborns Engel hat die Flügel bereits verloren. Und ihr Ares steht nicht auf einem Siegesdenkmal, sondern in einem Museum in der Toskana, als dauerhafte Schenkung, die keine Käufer sucht. Zwischen München und Chianciano liegt nicht nur ein Jahrhundert, sondern eine Ernüchterung – und die Frage, die beide Werke verbindet: Wer profitiert, wenn vom Frieden die Rede ist?


