In den sonnendurchfluteten Hügeln der Toskana, wo einst Etrusker und Renaissance-Humanisten nach dem Maß des Menschen suchten, wird im August 2026 auf der Chianciano Biennale eine kompakte Bronzeskulptur stehen, die dem Betrachter den Atem stocken lassen kann. Marita Vollborns „ARES“, 2015 entstanden und in limitierter Auflage gegossen, misst nur etwa 34 × 29 × 30 Zentimeter. Doch in dieser verdichteten Form verdichtet sich eine moralische und politische Wucht, die weit über das Format hinausreicht. Der griechische Kriegsgott erscheint hier nicht als heroische Idealgestalt der klassischen Antike, sondern als rohe, unerbittliche Präsenz: blutdürstig, ohne Gnade, ohne Maß, unersättlich nach neuen Opfern. Vollborn hat den Gott des Massakers und des Blutbades nicht verklärt, sondern als Spiegel menschlicher Ambivalenz freigelegt – jener Zwiespältigkeit von Macht und Schuld, Stärke und Fragilität, die ihr gesamtes Projekt „Sinn und Scherben“ seit 2010 durchzieht.
Die Künstlerin, 1965 in Erfurt geboren und unter den Bedingungen der DDR aufgewachsen, bringt eine Biografie mit, die der Figur besondere Schärfe verleiht. Sie erlebte Zensur von Kunst und Denken, den Fall der Mauer und die unvollendeten Versprechen der Wiedervereinigung. Als investigative Journalistin und Autorin legte sie systematische Fehlentwicklungen in Gesundheitswesen, Lebensmittelindustrie und Politik offen, bevor sie um 2010 die Bildhauerei als Gegenpol zur faktenbasierten Analyse entdeckte. Wo der Journalismus benennt, formt die Skulptur das Unsagbare. „ARES“ gehört zum konfrontativsten Ende dieses Spektrums: Er gibt den zerstörerischen Kräften Gestalt, die entstehen, wenn Gier und Macht unkontrolliert walten.
Warum verkörpert diese Figur die aktuelle weltpolitische Lage mit solcher Präzision? Weil der Ares der Gegenwart nicht mehr primär der Uniformträger auf dem Schlachtfeld ist. Er hat sein Arsenal aktualisiert. Hybridkriege, Proxy-Konflikte, Cyber-Aggression, die Militarisierung der Rhetorik und die Rückkehr imperialer Denkmuster – etwa die unverhohlene Diskussion um territoriale Dominanzansprüche – zeigen, dass der Gott des Krieges nie abgedankt hat. Mehr als achtzig Millionen Tote der beiden Weltkriege reichten nicht aus, den Rüstungswettlauf und die Anstachelung zum Konflikt zu beenden. Vollborn selbst formuliert es klar: Die Skulptur ist eine direkte Auseinandersetzung mit Militarismus, der Profitsucht aus Konflikten und dem rohen Ausüben von Macht. Sie ist nicht anti-amerikanisch, sondern anti-militaristisch und anti-gierig – unabhängig vom geografischen Ursprung.
Hier liegt die eigentliche Pointe. Der Wunsch des heutigen Ares sind Investoren, Aktionäre und Profiteure. Der Gott hat sich in die Bilanzen und Portfolios zurückgezogen. Kriege und Kriegsdrohungen generieren Renditen: in der Rüstungsindustrie, in Rohstoffmärkten, in der geopolitischen Absicherung von Lieferketten und Einflusszonen. Die Logik der „notwendigen Gewalt“ wird zur Geschäftsgrundlage. Was früher der blutbefleckte Speer war, ist heute der Derivatkontrakt auf Rohstoffe in Krisenregionen, der Aktienkurs, der mit jeder Eskalation steigt, der Shareholder-Value, der Frieden als Ineffizienz empfindet. Vollborns Figur macht sichtbar, was hinter den strategischen Kommuniqués und den „Sicherheitsinteressen“ steht: die systematische Ausbeutung von Konflikten durch jene, die von der Unsicherheit anderer leben. Die Bronze – klassisches Material der Denkmäler für Helden und Kaiser – wird hier subvertiert. Sie memorialisiert nicht den Ruhm, sondern die moralische Bankrotterklärung ungezügelter Macht.
In diesem Sinne steht „ARES“ in einer langen europäischen Tradition der Kunst, die Macht nicht schmückt, sondern befragt – von Goya über Käthe Kollwitz bis zu den Nachkriegsavantgarden. Vollborn, geprägt von der Erfahrung totalitärer Kontrolle, beharrt darauf, dass Demokratie die Wahl der Mehrheit respektiert, aber funktionierende Institutionen und checks and balances verlangt. Wenn diese erodieren und Außenpolitik unilateral wird, wenn Drohungen gegen Souveränität anderer Staaten als Verhandlungsmasse gelten, dann hat die Kunst die Pflicht, nicht zu schweigen. Ihre Entscheidung, „ARES“ derzeit nicht in den USA auszustellen, ist keine feindselige Geste, sondern eine prinzipielle: Kunst soll problematische Entwicklungen nicht weißwaschen. Stattdessen sucht sie den Dialog an Orten, an denen offene Auseinandersetzung noch möglich scheint.
Die Figur ist kein Werk der Verzweiflung, sondern der Anklage und des Dialogs. Sie fordert den Betrachter heraus, statt ihn zu unterhalten. In einer Zeit, in der Gewalt kommodifiziert und Aggression normalisiert wird, erinnert sie an Walter Benjamins Engel der Geschichte, der auf die Trümmerhaufen blickt und vom Sturm des Fortschritts unaufhaltsam vorangetrieben wird. „ARES“ ist ein memento mori für die Illusionen des Fortschritts. Er zeigt, dass der Gott des Krieges nicht nur in den Köpfen der Strategen lebt, sondern in den Strukturen, die von Unfrieden profitieren.
Vollborns Skulptur zwingt uns, die Frage zu stellen, die hinter jeder aktuellen Krise steht: Wer verdient wirklich am nächsten Konflikt? Die Antwort liegt nicht in abstrakten Mächten, sondern in konkreten Interessen – den Investoren, den Aktionären, den Profiteuren, die den alten Gott in neuen Gewändern weiter am Leben halten. In der Toskana, dem Land der Humanisten, mag diese Bronze zunächst fremd wirken. Gerade deshalb ist sie notwendig. Sie erinnert daran, dass die Monstrosität des Krieges allzu menschlich ist – und dass die Kunst, wenn sie ihrer Aufgabe treu bleibt, den Blick nicht abwendet.


