Die europäische Künstlerin spricht über den Respekt vor der amerikanischen Wählerschaft, die Grenzen der Gewaltenteilung, die Bedrohung durch Krieg, das Beispiel Grönland – und warum sie Ausstellungen in den USA überdenkt.
Interview mit Marita Vollborn: „ARES“ auf der Chianciano Biennale 2026 – Kunst, Politik und globale Machtverschiebungen
Frau Vollborn, herzlichen Glückwunsch nochmals zu Ihrer Auswahl für die Chianciano Biennale 2026 mit Ihrer Bronzeskulptur „ARES“. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten unter Präsident Trumps zweiter Amtszeit: Wie sehen Sie die Rolle der Kunst bei der Auseinandersetzung mit politischen Realitäten? Wie politisch muss zeitgenössische Kunst sein?
Marita Vollborn: Danke. Kunst war schon immer politisch, ob sie es zugibt oder nicht. „ARES“, meine Bronzeskulptur, benannt nach dem griechischen Kriegsgott, ist eine direkte Auseinandersetzung mit Militarismus, der Profitgier aus Konflikten und dem rücksichtslosen Machtmissbrauch. Im aktuellen amerikanischen Kontext erscheint sie umso dringlicher. Das amerikanische Volk hat seinen Präsidenten demokratisch gewählt – diese Entscheidung muss als Ergebnis des demokratischen Prozesses respektiert und akzeptiert werden. Was jedoch nicht hinnehmbar ist, ist die Aushöhlung der Gewaltenteilung, insbesondere in der internationalen Politik. Wenn innerstaatliche Institutionen geschwächt werden und die Außenpolitik zunehmend einseitig wird, hat die Kunst die Verantwortung, sich zu Wort zu melden.
Sie betonen die Akzeptanz des Wahlergebnisses, kritisieren aber gleichzeitig systemische Probleme. Könnten Sie diesen Unterschied näher erläutern?
Marita Vollborn: Absolut. Demokratie bedeutet, mit den Entscheidungen der Mehrheit zu leben, auch wenn man anderer Meinung ist. Demokratie braucht aber auch funktionierende Institutionen – Kontrollmechanismen, die verhindern, dass einzelne Machthaber oder Gruppierungen ungehindert handeln können. International erleben wir ein Wiederaufleben des Großmachtverhaltens, das Völkerrecht, Bündnisse und gegenseitigen Respekt missachtet. Nehmen wir die Diskussionen um Grönland: Das erneute Interesse an der Aneignung oder Beherrschung der Insel ist ein eklatantes Beispiel für imperialistisches Denken alter Schule in moderner Gestalt. Es geht nicht nur um Ressourcen – es geht um die Demonstration von Dominanz. Solche Manöver, verbunden mit Drohungen militärischer Aktionen oder wirtschaftlichem Druck gegen Verbündete und Nachbarn, überschreiten eine Grenze. Kriege sind inakzeptabel. Selbst die offene Drohung oder die beiläufige Erwägung militärischer Optionen gegen souveräne Gebiete muss von jeder zivilisierten Gesellschaft entschieden zurückgewiesen werden.
Verspüren Sie als europäischer Künstler mit einer ausgeprägten kritischen Tradition in diesem Moment eine besondere Verantwortung?
Marita Vollborn: Die europäische Kunst hat eine lange Tradition der Auseinandersetzung mit Macht – von Goya über Käthe Kollwitz bis hin zur Nachkriegsavantgarde. In Zeiten, in denen die amerikanische Politik die globale Stabilität beeinflusst, tragen europäische Künstler eine noch größere Verantwortung, diese Missstände klar anzusprechen. „ARES“ ist nicht antiamerikanisch; es ist antimilitaristisch und gegen Gier, unabhängig von deren Ursprung. Meine Arbeit im Projekt „Sinn und Scherben“ erforscht beständig die menschliche Ambivalenz – Macht und Schuld, Stärke und Zerbrechlichkeit. Heute erscheint es mir notwendig, hervorzuheben, wie das Streben nach Dominanz die Gefahr birgt, die dunkelsten Kapitel der Geschichte zu wiederholen.
Haben diese Entwicklungen Ihre eigenen Ausstellungsentscheidungen beeinflusst?
Marita Vollborn: Ja, das haben sie. Ich überlege mir derzeit sehr genau, ob ich an Ausstellungen in den USA teilnehmen soll. Solange die Kontrollmechanismen nicht wieder zuverlässig funktionieren und Reisen in die USA für kritische Stimmen nicht verlässlich sicher und offen sind, konzentriere ich mich lieber auf europäische und internationale Plattformen, wo ein offener Diskurs noch möglich ist. Dies ist kein Boykott aus Feindseligkeit, sondern eine bewusste, prinzipiengeleitete Entscheidung. Kunst sollte nicht dazu benutzt werden, problematische Entwicklungen zu beschönigen. Gleichzeitig bin ich weiterhin offen für Dialog und Austausch – ein echter kultureller Austausch war mir schon immer wichtig, insbesondere angesichts meiner eigenen Geschichte in der DDR und dem Fall der Berliner Mauer.
Wie fügt sich „ARES“ in „Sinn und Scherben“ und Ihren Gesamtansatz ein, wenn man Ihr gesamtes Werk betrachtet?
Marita Vollborn: „Sinn und Scherben“ umfasst rund 50 Skulpturen aus Ton und Bronze, die die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung und gesellschaftlicher Widersprüche untersuchen. „ARES“ gehört zum konfrontativeren Ende dieses Spektrums – es verleiht den zerstörerischen Kräften Form, die entstehen, wenn Gier und Macht ungezügelt wüten. So wie meine journalistische Arbeit systemische Mängel im Gesundheitswesen, in der Lebensmittelindustrie und in der Politik aufgedeckt hat, machen meine Skulpturen sichtbar, was Worte manchmal nicht vollständig erfassen können. In einer Zeit wiedererstarkenden Nationalismus und Großmachtgehabes muss Kunst ein Raum für kritische Reflexion bleiben und darf nicht Dekoration oder Propaganda sein.
Welche Botschaft sollen die Besucher Ihrer Meinung nach von „ARES“ auf der Chianciano Biennale mitnehmen?
Marita Vollborn: Ich hoffe, sie fühlen sich herausgefordert. Respektiert den demokratischen Willen des amerikanischen Volkes, aber hört niemals auf, Macht zu hinterfragen – insbesondere dann, wenn sie den Frieden, das Völkerrecht oder die Souveränität anderer bedroht. Gerade die europäische Kunst sollte standhaft bleiben: Kriege und Kriegsdrohungen sind inakzeptabel. Plattformen wie die Chianciano Biennale mit ihrem internationalen und doch unabhängigen Geist sind genau der richtige Ort für solche Werke. Kunst kann Spiegel und Mahnung zugleich sein.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Vollborn. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg in der Toskana.
Das Interview erschien im Original auf English bei Pugnalo.io


