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Deutschland am Ende

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Ein politisches Feuilleton. Letzter Weckruf.

Es gibt Länder, die sterben nicht an einem Schlag, sondern an der Eleganz, mit der sie den eigenen Abstieg als Qualität umdeuten. Deutschland gehört dazu. Man nennt das, was hier vorgeht, noch immer „Transformation“. Das Wort klingt nach Absicht. Die Zahlen klingen nach etwas anderem: nach einem industriellen und wissenschaftlichen Modell, das seine Produktivkraft in Feldern der Vergangenheit noch behaupten kann und in den Feldern der Zukunft die Herrschaft über das eigene Wissen verliert.

Das ist keine Stimmung. Es ist eine Bilanz.

Die Illusion der dritten Stelle

Wer den Nature Index aufschlägt, findet Deutschland noch immer auf Rang drei der Welt – hinter China und den Vereinigten Staaten, vor Großbritannien und Japan. Max-Planck-Gesellschaft und Helmholtz-Gemeinschaft bleiben europäische Schwergewichte hochwertiger Publikationen. Das ist keine Kleinigkeit. Es ist der letzte große Vermögenswert der Republik: eine wissenschaftliche Infrastruktur, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aufgebaut wurde und noch immer liefert.

Aber der Index misst Sichtbarkeit in ausgewählten Journalen, nicht Herrschaft über Märkte. Und selbst dort, wo Deutschland noch „dritter“ ist, schrumpft der relative Anteil. Chinas Share in denselben Journalen wächst zweistellig; westliche Anteile fallen. Die Max-Planck-Gesellschaft rutscht in den Institutionsrankings aus den Weltspitzenplätzen, in denen sie lange selbstverständlich stand. Das ist der erste Befund, den man aushalten muss: Exzellenz ohne Skalierung ist keine Strategie. Sie ist ein Nachruf auf eine Epoche, in der Papers noch automatisch in Fabriken mündeten.

Der Innovationsindikator von BDI und Roland Berger lässt Deutschland 2025 auf Platz 12 verharren – während die USA, Großbritannien und Frankreich aufholen. Der Global Innovation Index der WIPO wirft die Republik aus den Top Ten: von Platz 9 auf Platz 11. China tritt dort ein. Das IMD-World-Competitiveness-Ranking sieht Deutschland 2026 auf Platz 23 – 2022 war es noch Platz 15. Regierungseffizienz und Unternehmenseffizienz sind die Absturzfelder. Infrastruktur hält sich; der Staat und die Firmen, die auf ihr operieren sollen, nicht.

Im Europäischen Innovationsanzeiger bleibt Deutschland ein „Strong Innovator“, Rang 9 in der EU, 111 Prozent des Unionsdurchschnitts – und doch unter dem Gruppendurchschnitt der starken Innovatoren. Digitalisierungsleistung: 82,8 Prozent des EU-Schnitts. Intellektuelle Vermögenswerte, PCT-Patente, Marken, Designs: Rückgänge. Neue Doktoranden: ein Einbruch. Das ist kein Kollaps über Nacht. Es ist das Geräusch eines Systems, das seine Inputs noch finanzieren, seine Outputs aber nicht mehr in Zukunftsmärkte übersetzen kann.

Forschungsfelder, in denen die Republik den Anschluss verliert

Man muss die Felder beim Namen nennen. Nicht alle. Die entscheidenden.

Künstliche Intelligenz. Hier liegt die schärfste Diskrepanz zwischen Selbstbild und Weltlage. Deutschland publiziert viel, auch gut. Es führt Europa bei manchen Patentstatistiken. Und es spielt in der Liga der Systeme, die die Technologie tatsächlich definieren, so gut wie keine Rolle. Der Stanford AI Index zählt für 2021–2024 US-Affiliationen auf 218 der jeweils hundert meistzitierten KI-Arbeiten, chinesische auf 142, deutsche auf 32. Pro Kopf gewährte KI-Patente: Südkorea, China, USA weit vorne; Deutschland bei 1,30 je 100.000 Einwohner. Epoch-AI-Daten zu „notable models“ zeigen für Deutschland im Zeitraum 2023–2025 eine Handvoll Systeme – Europa insgesamt ein Rinnsal neben amerikanischen und chinesischen Laboren. Rechenkapazität in dokumentierten großen Rechenzentren: in Deutschland in der Größenordnung von Zehntausenden H100-Äquivalenten, in den USA über eine Million. Wer keine Compute-Basis hat, trainiert keine Frontier-Modelle. Wer keine Frontier-Modelle hat, lizenziert die Intelligenz anderer. Die Kommission hat das Muster schon 2022 beschrieben: Die Schwäche liegt nicht primär in der Qualität der Grundlagenforschung. Sie liegt in der Unfähigkeit, Idee in Produkt zu verwandeln. In der KI bedeutet das konkret: Die Papers entstehen hier, die Gewichte, die Plattformen und die Marge entstehen woanders.

Digitalisierung, Software, Cybersecurity. Die Bertelsmann-Stiftung und das Institut der deutschen Wirtschaft haben die Patentdynamik in fünfzehn Zukunftstechnologien ausgewertet. Deutschlands Anteil am globalen Patentgeschehen fiel zwischen 2000 und 2022 von 21,9 auf 15,0 Prozent. Seit 2018 sinkt auch die absolute Zahl der am Standort hervorgebrachten Patente. Besonders schwach: Digitalisierungstechnologien und Lebenswissenschaften. Künstliche Intelligenz, Cybersecurity, Quantencomputing, pharmazeutische Technologie, Biotechnologie liegen deutlich unter dem deutschen Durchschnitt über alle Technologien. Zugleich kontrolliert das Ausland rund 30 Prozent der in Deutschland entstandenen Patente – weit mehr, als deutsche Eigentümer im Ausland halten. Das ist nicht nur Innovationsschwäche. Das ist Souveränitätsverlust in der stillsten Form: Man forscht, andere besitzen.

Biotechnologie. Der Innovationsindikator setzt Deutschland hier auf Rang 15. Das ist für eine Industrienation mit Bayer, BioNTech und einer dichten Max-Planck-Landschaft eine Bankrotterklärung der Transferlogik. mRNA war der historische Glücksfall, der bewies, dass es gehen kann. Er wurde nicht zum System. In den Lebenswissenschaften bleibt die Publikationskultur stark; die Kontrolle über Plattformen, Zulassungsschnelligkeit, Risikokapital und Skalierung bleibt schwach. Risikokapitalindikatoren im GII: Plätze zwischen 30 und 40. Ein Land, das Impfstoffe in Rekordzeit liefern konnte, hat daraus keine industrielle Grammatik gemacht.

Mikroelektronik und Halbleiter. Deutschland ist der größte Mikroelektronikstandort der EU und hat mit Dresden, Infineon, Bosch und den Ansiedlungen um TSMC reale Substanz. Das ändert nichts an der Lage der Wertschöpfung: Die führenden Knoten der Fertigung – Extreme-Ultraviolet, Leading-Edge-Logik, Speicher, KI-Beschleuniger – liegen in Taiwan, Südkorea und den USA. In den Patentstatistiken der relevanten Felder belegt Deutschland vordere, aber nicht führende Ränge; der deutsche Anteil an Halbleiteranmeldungen ist über fünf Jahre gesunken. Samsung, TSMC, SK Hynix und die amerikanischen Designhäuser schreiben die Roadmaps. Deutschland schreibt Strategien. Strategien sind Papier, solange Chipdesign, Tooling und Kapazität nicht in derselben Jurisdiktion zusammenfallen.

Quantencomputing. Hier ist die Lage ehrlicher und deshalb gefährlicher. Die Forschung ist gut. Photonik, Kryotechnik, Sensorik, Kommunikation: anschlussfähig. Die EFI und die Hightech-Agenda selbst formulieren das Ziel, bis 2030 zwei fehlerkorrigierte Rechner auf europäisches Spitzenniveau zu bringen – also das, was anderswo bereits als industrielles Rennen organisiert wird, hier noch als Missionswettbewerb. Zwischen Publikationsaktivität und Patenten klafft in Quanten, Hochleistungsrechnen und Batterietechnik genau die Lücke, die das BMBF in eigenen Grafiken ausweist: relativ viel Wissenschaft, relativ wenig Schutzrecht, noch weniger Produkt. Quanten ist das Feld, in dem Deutschland noch nicht verloren hat – und in dem es verlieren wird, wenn es den Transfer erneut als Beirat organisiert.

Das Muster ist immer dasselbe. Wo der lineare Traum der Bundesrepublik gilt – Grundlagenforschung, dann Fraunhofer, dann Mittelstand –, entstehen Patente in klassischen Domänen. Wo die Welt seit fünfzehn Jahren skaliert – Daten, Kapital, Rechenzeit, Zulassung, Plattform –, entsteht ein Export von Köpfen und ein Import von Abhängigkeit.

Die Industrien, die das Modell tragen – und es nicht mehr tragen können

Forschung ohne Industrie ist Feuilleton. Industrie ohne Forschung von morgen ist Museum. Drei Säulen haben Deutschland reich gemacht. Alle drei stehen unter Druck, der nicht mehr konjunkturell zu reden ist.

Automobil. Die Zahl der in Deutschland produzierten Pkw liegt nach Angaben des VDA rund 28 Prozent unter dem Niveau von 2016. Der China-Absatz deutscher Marken bricht ein; Volkswagen, Mercedes, BMW verzeichnen zweistellige Rückgänge auf einem Markt, den sie einmal als Premium-Reservat betrachteten. Chinesische Hersteller bringen Modelle in achtzehn Monaten; die deutsche Entwicklungslogik braucht ein Vielfaches. Batteriezellen, Leistungselektronik, Software-defined Vehicle: Die Wertschöpfung wandert dorthin, wo der Staat den Markt und die Fabrik gleichzeitig plant. In der Automobilindustrie selbst sank die Beschäftigung 2025 um mehr als sechs Prozent auf rund 725.000. Seit 2019 hat das verarbeitende Gewerbe über 244.000 Stellen verloren. Das ist nicht „Strukturwandel“ als Euphemismus. Das ist der Preis dafür, den Verbrennungsmotor als Zivilreligion und die Elektromobilität als Moral statt als Industriesystem behandelt zu haben.

Chemie. Die Leitbranche der Energieintensität sendet das eindeutigste Signal. Umsatz von rund 261 Milliarden Euro (2022) auf etwa 220–222 Milliarden. Auslastung 2025 unter 75 Prozent, zeitweise um 70 – rentabel wäre über 80. Produktion 2025 erneut rückläufig. Anlagenstilllegungen, Standortschließungen, Verlagerungen. Die Ursachen stehen in den Papieren des Wirtschaftsministeriums selbst: Energie, Rohstoffe, Arbeit, Regulierung, Genehmigungsdauer, Fachkräfte, Nachfrage. Die Chemie ist kein Sonderfall. Sie ist der Frühwarnindikator eines Landes, das seine Grundstoffbasis wegrationalisiert und danach so tut, als blieben Auto, Pharma und Maschinenbau metaphysich erhalten. Ohne Vorprodukte gibt es keine Endprodukte. Das wusste schon List. Man hat es vergessen, weil Gas billig war.

Maschinenbau. Die Bundesbank und der IWF beschreiben denselben Befund: Marktanteilsverluste seit 2021, besonders akut im Maschinen- und Anlagenbau, getrieben durch relative Kosten – Arbeit, Energie – und schwache Produktivität. Die Industrieproduktion liegt rund zehn Prozent unter 2018; die energieintensive Produktion noch deutlicher unter dem Niveau von 2022. Vier Jahre Kontraktion in Folge sind für eine Exportnation kein Zyklus. Sie sind ein Strukturbruch. China ist vom Abnehmer zum Wettbewerber geworden, nicht nur bei Autos, sondern bei Werkzeugmaschinen, Elektrotechnik, Umwelttechnik. Wer die Lernkurve der Fabrik an den Rhein gebunden glaubte, hat nicht zugesehen, was in Shenzhen und Suzhou mit deutscher Ausrüstung gelernt wurde.

Hinzu kommt die unsichtbare vierte Industrie: Plattformen, Cloud, Software, Datenmärkte. Sie erscheint in keiner klassischen Branchenstatistik als „deutscher Kern“. Genau deshalb ist sie der Kern des Problems. Ein Land, das Maschinen exportiert, aber die Betriebssysteme der Maschinen importiert, wird Lohnfertiger seiner eigenen Vergangenheit.

Warum das kein Schicksal ist – und trotzdem so wirkt

Drei Kostendifferentiale erklären den größten Teil der Standortarithmetik, ohne dass man eine Kulturtheorie bemühen müsste.

Erstens Energie. Nach dem Wegfall billigen russischen Gases und dem vollzogenen Atomausstieg 2023 tragen energieintensive Produktionen einen Standortnachteil, den Produktivität nicht mehr kompensiert. Vergleichsrechnungen von IW und Unternehmensverbänden setzen die Lohnstückkosten des verarbeitenden Gewerbes rund 15 Prozent über dem Euroraum ohne Deutschland und rund 22 Prozent über einem weiteren Kreis wichtiger Industrieländer. Strom und Gas multiplizieren das.

Zweitens Zeit. Genehmigung, Steuerkomplex, Berichtspflichten, der europäische Regulierungsreflex, der Risiken früher verbietet, als er Märkte entstehen lässt. 84 Prozent der mittelständischen Automobilzulieferer nennen Bürokratie als Belastung. Das ist keine Anekdote aus dem Stammtisch. Es ist die Transaktionskostenrechnung einer Volkswirtschaft, die Innovation als Antrag organisiert.

Drittens Köpfe. Die PISA-Reihe zeigt seit der Mitte der 2010er Jahre einen anhaltenden Rückgang in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Das ifo-Institut beziffert allein die Einkommensverluste aus dem Leistungsrückgang in Größenordnungen, die über Jahrzehnte in die Billionen laufen. Ein Hochtechnologiestandort, der die kognitive Basis seiner nächsten Ingenieursgeneration erodieren lässt, betreibt keine Sozialpolitik. Er betreibt Destabilisierung des eigenen Produktionsfaktors. Gleichzeitig wandert Spitzenforschung dorthin, wo Compute, Gehalt und Tempo zusammenfallen.

Über alldem liegt der Transferfehler, den jede seriöse Studie wiederholt: starke öffentliche Forschung, schwache unternehmerische Dynamik in den digitalen und biologischen Feldern, FuE-Ausgaben der Unternehmen am Standort weniger dynamisch als in den USA und China, besonders in der Digitalisierung. Die Universitäten patentieren wenig; die außeruniversitären Großforschungseinrichtungen publizieren viel; dazwischen fehlt die Institution, die aus einem Algorithmus eine Fabrik macht.

Der letzte Weckruf

„Deutschland am Ende“ heißt nicht: Die Labore sind leer. Sie sind es nicht. Es heißt: Das historische Arrangement – billige Energie, offene Weltmärkte für Premiumgüter, ein Bildungssystem, das Ingenieure in Serie lieferte, ein Staat, der sich aus der Mikrosteuerung der Fabrik heraushielt und die Ordnungspolitik überließ – ist verbraucht. Was bleibt, ist ein Land, das seine Stärken in Kreislaufwirtschaft, neuen Materialien, Produktionstechnik und Teilen der Photonik noch immer in die Weltspitze tragen kann – und das genau dort verliert, wo die nächste Wertschöpfung entschieden wird: Modelle, Chips, Moleküle, Software, Tempo.

Ein Weckruf, der diesen Namen verdient, formuliert keine Stimmung, sondern Bedingungen.

Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise gibt es keine Chemie, ohne Chemie keine Industrie. Ohne Chipdesign und Compute gibt es keine industrielle KI, nur importierte Intelligenz. Ohne Risikokapital und Zulassungsgeschwindigkeit bleibt Biotechnologie ein Paper. Ohne eine Bildungspolitik, die mathematische und sprachliche Mindestkompetenz wiederherstellt, wird jede Hightech-Agenda zur Broschüre. Ohne dass der Staat aufhört, Innovation als Verbotslandschaft zu behandeln, wandern die Fabriken weiter – nicht aus Ideologie, aus Arithmetik.

Die Hightech-Agenda der Bundesregierung listet die richtigen Felder: KI, Quanten, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion, klimaneutrale Mobilität. Das ist das Eingeständnis, dass man die Lage kennt. Strategien ersetzen keine Kilowattstunden, keine Genehmigungen in Monaten statt Jahren, keine Modelle, die man selbst trainiert, keine Fabriken, die man selbst füllt.

Deutschland ist nicht am Ende, weil es dumm geworden wäre. Es ist am Ende eines Zyklus, weil es die Intelligenz, die es noch hat, nicht mehr in Macht über Märkte übersetzt. Wer das Feuilleton für Übertreibung hält, lese die Patentanteile, die Auslastungsgrade, die Beschäftigtenzahlen, die Rankings. Sie widersprechen einander in Nuancen. In der Richtung nicht.

Der letzte Weckruf lautet deshalb nicht: Werdet wieder, was ihr wart. Das geht nicht. Er lautet: Hört auf, den Abstieg als Moral zu verkaufen. Baut die physischen und digitalen Voraussetzungen, unter denen Forschung wieder Industrie wird. Oder gewöhnt euch an ein Land, das noch immer hervorragende Aufsätze schreibt – über Technologien, die andere besitzen.

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