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Deutschlands fataler Fehler: Die Auslagerung von Forschung und Entwicklung ins Ausland

Multi-Omics. Symbolbild. Credits: Unsplash

Deutschland verliert in zentralen Schlüsselindustrien systematisch an Boden. Die Auslagerung von Forschung und Entwicklung (F&E) ins Ausland, insbesondere nach China, Indien und in die USA, hat sich zu einem strukturellen Problem entwickelt. Was als Kostensenkung und Markterschließung begann, droht die technologische Souveränität und die industrielle Basis des Landes zu untergraben. Der aktuelle Fall des Entwicklungsdienstleisters IAV in Stollberg illustriert dies exemplarisch: Weltweite Ausschreibungen und Konkurrenz aus Asien mit niedrigeren Preisen und hohem Tempo zwingen zu Stellenabbau, obwohl die Nachfrage nach Entwicklungsdienstleistungen in der Automobilbranche hoch bleibt.

Dieser Trend zieht sich durch Pharma, High Tech, Automotive und Diagnostics. Er ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern Ergebnis langjähriger Fehlentscheidungen: hohe Kosten und Bürokratie in Deutschland bei gleichzeitig attraktiven Bedingungen im Ausland. Die Folgen sind messbar – sinkende Anteile an globalen Innovationen, Abhängigkeit von ausländischen Standorten und der Verlust hochqualifizierter Arbeitsplätze.

Der Einstieg in die Autoindustrie: IAV und der Druck aus Asien

Die Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV) ist ein zentraler Akteur in der deutschen Automobilforschung. Das Unternehmen, teilweise im Besitz von Volkswagen, entwickelt Antriebe, autonomes Fahren und Elektromobilität für große Hersteller. In Stollberg und anderen Standorten arbeiten Ingenieure an Prüfständen und Serienreife. Doch die Krise der Branche schlägt durch. IAV plant den Abbau von rund 1400 Stellen bundesweit, darunter mögliche Schließungen. Der Betriebsrat nennt weltweite Ausschreibungen als Hauptursache: Indische und chinesische Anbieter unterbieten mit staatlicher Unterstützung und niedrigeren Löhnen.

Experten wie Stefan Bratzel sprechen von „China-Speed“: Schnellere Entwicklungszyklen und niedrigere Kosten zwingen deutsche Dienstleister zum Mitziehen. Deutsche Konzerne wie Volkswagen, BMW und Mercedes verlagern zunehmend F&E nach China. Dort entstehen nicht nur lokale Anpassungen, sondern Entwicklungen für globale Märkte. Umfragen der Deutschen Handelskammer in China zeigen, dass 73 Prozent der deutschen Auto-Firmen R&D in China betreiben, ein Anstieg. Ein Drittel entwickelt dort für die Welt.

Bosch etwa investierte rund eine Milliarde Dollar in ein R&D- und Produktionszentrum in Suzhou für Elektrofahrzeuge und automatisiertes Fahren. ZF, Continental und Schaeffler bauen ähnlich lokale Kapazitäten aus, oft in Kooperation mit chinesischen Tech-Firmen wie Horizon Robotics oder Pony.ai. Dies beschleunigt Innovationen vor Ort, schwächt aber die heimische Basis. In Deutschland kommen Jobabbau und Unsicherheit hinzu, während in Asien Kompetenzen aufgebaut werden.

Die Automobilindustrie ist besonders verwundbar. Früher stand „Made in Germany“ für technologische Führung. Heute überholen chinesische Hersteller wie BYD in Elektromobilität und Software. Deutsche Zulieferer reagieren mit Verlagerung statt Gegenoffensive. Die Folge: Weniger Know-how-Kontrolle, höhere Abhängigkeit von Lieferketten und das Risiko, dass Kerntechnologien abwandern. Betriebsräte warnen, dass auf Entwicklung im Ausland bald Produktion folgt – mit verheerenden Konsequenzen für Beschäftigung und Steuerbasis.

Pharma: Von der Forschungsstärke zum Standortnachteil

Die deutsche Pharmaindustrie galt lange als Vorzeigebranche. Unternehmen wie Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck und BioNTech verfügen über starke Traditionen. Doch globale Vergleiche zeigen Rückstände. Bei neuen molekularen Entitäten (NMEs) dominierten US-Firmen zwischen 2010 und 2019 mit 55 Prozent der medizinischen Durchbrüche, Deutschland kam auf etwa neun Prozent.

Bayer beispielsweise verlagert den Pharma-Fokus zunehmend in die USA und China. Gründe sind attraktivere Förderungen, schnellere Zulassungen und geringere Bürokratie. Boehringer Ingelheim investiert stark in China. Roche und andere kritisieren den deutschen Standort wegen Preisdrucks und Regulierung. Klinische Studien wandern ab; Deutschland fällt gegenüber den USA, China und anderen zurück.

Das Outsourcing von F&E ist in der Branche mittlerweile etabliert. Europäische Pharma-Firmen vergeben Aufträge zunehmend extern, oft in kostengünstigere Regionen. Globale Player bauen Kapazitäten in Asien auf, wo Talentpools wachsen und regulatorische Hürden niedriger sind. In Deutschland bleiben hohe F&E-Ausgaben, doch der Anteil an weltweiten Innovationen sinkt. Patentstatistiken unterstreichen dies: US-Universitäten und Firmen führen, deutsche Beiträge sind rückläufig im Vergleich.

Die COVID-Pandemie zeigte Stärken (BioNTech), doch strukturell verliert Deutschland. Ausländische Investitionen in deutsche Pharma-F&E sind vorhanden, doch heimische Konzerne diversifizieren ihre Risiken ins Ausland. Dies führt zu Fragmentierung des Know-hows und schwächt den heimischen Cluster. Langfristig droht Abhängigkeit von Importen innovativer Wirkstoffe und Technologien, was Versorgungssicherheit gefährdet.

High Tech und Halbleiter: Verpasste Chancen und Abhängigkeiten

Deutschland war Pionier in der Mikroelektronik, doch die globale Chip-Produktion konzentriert sich auf Asien (Taiwan, Südkorea, China). Infineon, Bosch und andere halten starke Positionen in Spezialbereichen wie Leistungshalbleitern und Automotive-Chips. Dennoch verlagern Unternehmen Teile der Entwicklung.

Die EU-Chip-Gesetzgebung und nationale Initiativen wie die Hightech-Agenda zielen auf mehr Produktion in Europa ab, mit Fabriken in Dresden (ESMC mit TSMC-Beteiligung) und anderen Standorten. Intel pausierte oder reduzierte Pläne in Magdeburg. Viele Entwicklungsarbeiten für fortgeschrittene Prozesse bleiben in Asien. Infineon betreibt R&D-Zentren international, inklusive in Indien und Asien.

Siemens und andere Konzerne haben historisch Kompetenzen ausgelagert. Die Folge ist eine Lücke bei führenden Knoten (unter 7nm), wo Taiwan und Südkorea dominieren. Deutsche Firmen sind stark in Nischen, doch für KI, 5G/6G und Quantencomputing fehlt kritische Masse. Auslagerung von Design und Testphasen beschleunigt Projekte, doch Know-how fließt ab. China baut massiv Kapazitäten auf, mit staatlicher Förderung, was Wettbewerbsdruck erhöht.

Die High-Tech-Branchen leiden unter Energiekosten, Fachkräftemangel und langsamer Genehmigung. Die Folge: Unternehmen reagieren mit Verlagerung. Dies verstärkt einen Teufelskreis: Weniger heimische F&E führt zu weniger Attraktivität für Talente und Investoren. Deutschland bleibt Zulieferer, verliert aber bei Systemintegration und Plattformtechnologien.

Diagnostics und Medizintechnik: Regulatorik und globale Verlagerung

Siemens Healthineers, ein führender Player in Imaging und Diagnostics, restrukturiert den Diagnostics-Bereich. Kostendruck, Inflation und nachlassende COVID-Nachfrage führten zu Stellenreduktionen und Portfolio-Bereinigungen. Es gibt Pläne für Carve-out oder Verkauf des Diagnostics-Geschäfts.

Die Medizintechnik-Branche insgesamt ist exportstark (über 60 Prozent), mit hohem F&E-Anteil. Doch EU-Regulierungen wie MDR und IVDR erhöhen Bürokratie und Kosten. Viele Firmen verlagern Teile der Entwicklung oder klinischen Bewertung ins Ausland, wo Prozesse schneller laufen. Diagnostik-Geräte und -Systeme profitieren von Digitalisierung und KI, doch Kernentwicklungen wandern ab, um regulatorische Hürden zu umgehen.

Deutsche Firmen wie Siemens Healthineers halten starke Positionen, doch globale Konkurrenz aus den USA und Asien wächst. Outsourcing von Test- und Validierungsprozessen ist üblich. Dies birgt Risiken für Qualitätsstandards und Abhängigkeiten. Die Branche warnt vor Standortnachteilen durch Überregulierung, was Innovation bremst und Verlagerung fördert.

Systemische Ursachen und wirtschaftliche Konsequenzen

Hohe Energiekosten, Lohnnebenkosten, Bürokratie und langsamer Genehmigungsprozesse treiben Verlagerungen. Studien zeigen, dass deutsche Unternehmen F&E-Investitionen zunehmend ins Ausland lenken, wo Talente günstiger und Rahmenbedingungen besser sind. DIW-Berichte und andere Analysen bestätigen steigende Auslandsanteile.

Die Folgen sind vielschichtig. Erstens technologische Abhängigkeit: Kernkompetenzen in Software, Batterietechnik, Biopharma und Chips liegen zunehmend außerhalb. Zweitens Jobverluste bei hochqualifizierten Kräften, was demografische Probleme verschärft. Drittens Rückgang der Wertschöpfung: Dienstleistungen und Produktion folgen oft der F&E. Viertens Sicherheitsrisiken: Abhängigkeit von autoritären Regimen in Lieferketten und Technologie.

Statistiken zur FuE zeigen: Deutschland gibt absolut viel aus, doch der Anteil an globalen Durchbrüchen sinkt in mehreren Branchen. Auslandsfinanzierte FuE steigt, heimische Cluster verlieren Dynamik.

Politische und strategische Versäumnisse

Politik hat mit Förderprogrammen und Chip-Gesetz reagiert, doch Umsetzung ist langsam. Subventionen locken Fabriken, kompensieren aber nicht strukturelle Nachteile. Es fehlt eine kohärente Industriestrategie, die F&E heimisch bindet. Stattdessen dominieren Einzelfallhilfen.

Kritiker sehen eine Basar-Ökonomie: Deutschland exportiert Maschinen und Know-how, importiert fertige Produkte. Die Auto-Krise, Pharma-Rückstände und Chip-Abhängigkeit sind Symptome. Ohne Kurswechsel – Abbau von Bürokratie, Senkung von Kosten, Förderung von Spitzenforschung – droht weitere Erosion.

Ausblick: Umkehr ist möglich, aber dringend

Beispiele wie BioNTech zeigen, dass Deutschland Spitzentechnologie hervorbringen kann. Starke Cluster in Dresden (Silicon Saxony), München oder Rhein-Main müssen gestärkt werden. Talente anziehen, Regulierung vereinfachen und steuerliche Anreize für heimische F&E sind notwendig. Partnerschaften ja, aber nicht auf Kosten der Kontrolle über Schlüsseltechnologien.

Der IAV-Fall ist ein Weckruf. Wenn Entwicklungsdienstleister wie IAV unter Druck geraten, leiden ganze Wertschöpfungsketten. Deutschland muss die Auslagerung stoppen und F&E als strategisches Gut behandeln. Andernfalls wird aus dem Exportweltmeister ein Technologieimporteur – mit allen ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen.

Dieser Prozess vollzieht sich über Jahre. In Pharma sinken Anteile an klinischen Studien und Patenten relativ. In Automotive wandert Software- und Batterie-Entwicklung ab. In High Tech bleibt Europa bei fortgeschrittenen Nodes hinterher. Diagnostics leidet unter regulatorischem Overkill.

Ohne harte Gegenmaßnahmen setzt sich der Trend fort. Die Daten aus Unternehmensberichten, Branchenumfragen und statistischen Analysen zeichnen ein klares Bild: Deutschland verspielt Wettbewerbsvorteile durch kurzfristiges Denken. Die Auslagerung von F&E ist nicht nur ein betriebswirtschaftlicher Schritt, sondern ein strategischer Fehler mit langfristigen Folgen für Wohlstand und Unabhängigkeit.

Deutschlands fataler Fehler: Die Auslagerung von Forschung und Entwicklung ins Ausland Symbolbild. Credits: Unsplash
Deutschlands fataler Fehler: Die Auslagerung von Forschung und Entwicklung ins Ausland. Symbolbild. Credits: Unsplash

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The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu