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Hanning und der BND: Restbestände der Republik

Glosse. August Hanning, der einst die Fäden zog, während andere noch glaubten, Fäden seien eine Angelegenheit der Schneider, hat geschrieben: nicht an einen Ausschuss, nicht an die Nachwelt, sondern an Olaf Scholz, und zwar in jener knappen Tonlage, in der Männer von Rang eine Schieflage mitteilen, als handle es sich um ein Wetterphänomen. Die private Liquidität, so der Sinn des Briefes, sei in eine bedenkliche Lage geraten; Schulden, und die Bitte um eine Lösung, die dem Absender entspreche.

Scholz antwortete, wie Scholz antwortet, wenn ihn etwas nicht interessiert, das sich nicht in einen Kassensturz fügt. Ohne Adjektiv, ohne Pathos, mit einem Verweis aufs Bürgergeld, auf den Antrag, den Sachbearbeiter, das Amt. Die Republik, an deren Geheimnissen Hanning jahrzehntelang mitgebaut hatte, behandelte ihren früheren Hüter wie jeden anderen, der am Monatsende die Differenz zwischen Anspruch und Kontoauszug nicht mehr zu erklären vermag. Hanning fand das doof, und doof nicht im Sinn von ungerecht, sondern in jenem älteren, unverstellten Sinn, der eine Zumutung unter dem eigenen Niveau bezeichnet.

Was folgt, wenn ein Mann, der sein Leben lang mit Informationen gehandelt hat, feststellt, dass Informationen das Einzige sind, was ihm geblieben ist? Er lässt klauen. Nicht selbstverständlich selbst, denn dafür gibt es noch Leute, die sich an alte Dienstwege erinnern und an die diskrete Eleganz, mit der man Akten nicht stiehlt, sondern sichert. Die Beute wandert weder nach Moskau, wohin der Reflex der Behörde sie schicken würde, noch nach Washington, wohin der Reflex der Kommentatoren sie schicken würde, sondern nach Baku, wo man zahlt und nicht fragt, ob der Verkäufer noch im Amt ist. Ein Pensionär mit Schulden erweist sich auf dem Markt für Staatswissen als verlässlicherer Lieferant als ein Amtsträger mit Gewissen.

Währenddessen wittert der Dienst, den Hanning einmal geführt hat, überall russische Spione: in Thinktanks, in Energiekonzernen, in der Kommentarspalte, im Vorgarten. Die Analyseabteilung produziert Lagebilder von jener Dichte, die entsteht, wenn man die Leerstelle nicht aushält und das Schweigen der Quellen mit Vermutungen füllt. Dass die Russen am Kaspischen Meer sitzen, die Füße im lauen Wasser, einen Tee vor sich, der nicht aus der Kantine stammt, kommt in keinem Papier vor. Sie machen Urlaub, nicht aus Großmut, sondern aus Ökonomie. In Deutschland, so die einhellige Einschätzung der Urlauber, sei dank Hanning ohnehin nichts mehr zu holen, was nicht bereits in einer aserbaidschanischen Inbox liege oder im Bürgergeldantrag eines ehemaligen Präsidenten. Spionage lohnt sich nur dort, wo noch Geheimnisse sind. Die Bundesrepublik hat ihre verscherbelt, und der Mann, der sie einst hütete, wartet auf den Bescheid.

Man wird einwenden, das sei übertrieben. Satire übertreibt, damit das Maß sichtbar wird: ein Staat, der seine früheren Geheimnisträger an die Grundsicherung verweist und sich anschließend wundert, wenn Grundsicherung und Grundsatz auseinanderfallen. Der BND sucht weiter. Am Kaspischen Meer ist die Saison noch lang.

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The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu
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