Die Regenfäule, eine aus der Tiermedizin bekannte bakterielle Hautinfektion, ist in Europa erstmals in größerem Umfang beim Menschen aufgetreten. Betroffen sind laut Fachbehörden überwiegend Männer, die Sex mit Männern haben. Der Erreger Dermatophilus congolensis wurde bislang vor allem bei Rindern, Pferden und Schafen beobachtet. Nun mehren sich Hinweise auf eine Übertragung von Mensch zu Mensch durch engen Hautkontakt.
Nach Angaben des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) wurden zwischen Dezember 2025 und Juni 2026 in mehreren EU-Ländern – darunter Deutschland, Frankreich, Spanien und Schweden – insgesamt 70 Fälle gemeldet, die epidemiologisch und genetisch miteinander verbunden waren . In Deutschland registrierte das Robert Koch-Institut (RKI) 17 Fälle, die vor allem Männer aus dem Raum Berlin betrafen . Zehn der Betroffenen berichteten von Besuchen in Saunen, teilweise handelte es sich um Sex-positive Etablissements . Daneben trat ein Cluster unter norwegischen Kampfsportlern auf, was die Annahme stützt, dass auch intensiver Körperkontakt außerhalb sexueller Kontexte eine Rolle spielen kann .
Krankheitsbild meist mild
Beim Menschen äußert sich die Infektion in der Regel durch juckende, papulöse, pustulöse oder schuppige Hautläsionen, die bevorzugt im Genital- und Gesichtsbereich auftreten . Systemische Symptome wurden bei den europäischen Fällen nicht beobachtet . Die Erkrankung verläuft nach bisherigem Kenntnisstand mild und selbstlimitierend. Die gemeldeten Fälle sprachen gut auf topische oder orale Antibiotika an; in einem Fall kam es ohne Behandlung zur Genesung . In Deutschland kamen unter anderem Fusidinsäure topisch und Doxycyclin oral zum Einsatz .
Das ECDC schätzt das Risiko für die Allgemeinbevölkerung als sehr gering ein . Für Männer, die Sex mit Männern haben, wird das Risiko als gering bewertet . Das RKI empfiehlt Behandelnden, bei entsprechenden Hautveränderungen eine Infektion mit D. congolensis differentialdiagnostisch in Betracht zu ziehen und eine kulturelle Anzucht zu veranlassen . Nachweise sollen in der Meldekategorie „Bedrohliche übertragbare Krankheiten“ über das Meldesystem DEMIS an die Gesundheitsämter gemeldet werden .
Erregerreservoir und Übertragung
Dermatophilus congolensis ist ein grampositives, fakultativ anaerobes Bakterium aus der Ordnung der Actinomycetales . Bei Tieren begünstigen anhaltende Feuchtigkeit und Hautläsionen die Infektion – daher der Name „Regenfäule“ . Historisch galt die Dermatophilose beim Menschen als seltene Zoonose, die vor allem bei beruflich exponierten Personen wie Landwirten, Tierärzten oder Schlachtern nach direktem Tierkontakt auftrat . Die aktuellen europäischen Fälle unterscheiden sich davon: Die Betroffenen hatten keinen bekannten Tierkontakt, und die genetische Analyse der Isolate legt eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung nahe . Als begünstigender Faktor gilt enger Hautkontakt in feuchtwarmen Umgebungen, wie sie in Saunen oder beim Kontaktsport gegeben sind .
Offene Fragen und Einordnung
Ob die Übertragung ausschließlich über direkten Hautkontakt erfolgt oder auch gemeinsam genutzte Oberflächen eine Rolle spielen, ist Gegenstand laufender Untersuchungen . Das ECDC fordert eine Ganzgenomsequenzierung aller Fälle und Umweltisolate, um die Übertragungswege besser zu verstehen . Für die breite Öffentlichkeit besteht nach derzeitiger Datenlage kein Anlass zur Besorgnis; die Zahl der Fälle ist insgesamt gering, und die Erkrankung verläuft mild. Personen mit ungewöhnlichen, juckenden oder krustigen Hautveränderungen – insbesondere nach engem Hautkontakt in feuchtwarmen Umgebungen – sollten diese ärztlich abklären lassen.
