Proteinfasern, die eigentlich als Kennzeichen von Alzheimer gelten, könnten eine wichtige Rolle im Sperma spielen: Sie helfen offenbar dabei, genetisches Material in Spermienzellen zu transportieren. Das berichten Forschende des Zuckerman Institute der Columbia University in der Fachzeitschrift „Molecular Cell“ (DOI: 10.1016/j.molcel.2026.10.004). Langfristig könnten die als Amyloide bekannten Proteine dazu beitragen, Genbearbeitungstechnologien wie CRISPR sicherer in Zellen einzubringen.
„Amyloide gelten meist als Kennzeichen von Alzheimer, Parkinson und anderen neurodegenerativen Erkrankungen, aber sie spielen auch im restlichen Körper funktionelle Rollen“, sagte Studienleiter Anthony Fitzpatrick. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Amyloidfibrillen im Sperma HIV beim Eindringen in Zellen des Fortpflanzungstrakts helfen können. Fitzpatrick und Erstautor William Mallen untersuchten, ob die Fibrillen auch körpereigene RNA in Spermien schleusen können – ein bislang ungeklärtes Rätsel.
Die Forschenden zeigten, dass Amyloide und RNA sich verbinden: Amyloide sind positiv geladen, RNA negativ. Die Fibrillen könnten die fragile RNA schützen, da sie selbst sehr haltbar sind. Mit Kryo-Elektronentomografie wiesen die Wissenschaftler nach, dass die Amyloide tatsächlich in die Spermien gelangen und nicht nur an deren Oberfläche haften. „Die Amyloidfasern in den Spermienzellen zu sehen, war außergewöhnlich“, sagte Mallen. Zudem verstärkten Amyloide die Aufnahme von RNA deutlich; das Protein Clusterin kann die RNA anschließend wieder vom Amyloid lösen.
In Experimenten schleusten Amyloidfibrillen auch RNA-Moleküle in Spermien ein, die groß genug waren, um ein grün fluoreszierendes Protein zu kodieren. Embryonen, die mit diesen Spermien befruchtet wurden, produzierten mindestens zehnmal mehr dieses Proteins als Embryonen aus Spermien, die der RNA ohne Amyloide ausgesetzt waren. Das lege nahe, dass Amyloide eines Tages therapeutische Gene in Zellen und Embryonen einschleusen könnten. CRISPR ist derzeit häufig auf modifizierte Viren als Übertragungsmechanismus angewiesen, was Immunreaktionen auslösen kann. „Da die von uns untersuchten Amyloidfibrillen menschlichen Ursprungs sind, besteht die Hoffnung, dass das Immunsystem nicht auf die gleiche Weise reagiert wie auf die umfunktionierten Viren“, sagte Mallen. Welche Funktion die amyloidgebundene RNA im Spermium hat, ist noch unklar; frühere Studien zeigten, dass RNA im Sperma Gene bei Nachkommen an- oder abschalten kann.
