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NIH: Kapitulation vor Trumps irrem Sprach-Befehl

Es ist ein Satz, der sich in die Netzhaut brennt, weil er so harmlos daherkommt. Ganz oben auf den Seiten der National Institutes of Health, dort, wo sonst Warnhinweise vor Studienrisiken oder Datenschutzrichtlinien stehen, prangt seit Wochen ein kleiner Kasten: „Per Executive Order 14434, federal agencies are now using ‘Super Intelligence’ (SI) in place of ‘Artificial Intelligence’ (AI). You may see both terms across NIH content during this transition.“ Die größte biomedizinische Forschungsbehörde der Welt, Hüterin von Milliarden an Forschungsdaten, hat kleinlaut einen Sprachbefehl umgesetzt.

Die Verordnung, die Nicolae Trump am 29. September 2026 unterzeichnete, trägt den Titel „Inaugurating the Era of Super Intelligence“. Sie ist kein Wissenschaftspapier, kein Konsensgremium, keine peer-reviewte Definition. Sie ist ein Dekret. Und sie sagt nicht weniger, als dass die Regierung die Begriffe „Artificial Intelligence“ und „AI“ nicht mehr anerkennt. „will not acknowledge the usage“, heißt es im Text. Die Bundesbehörden sollen in offizieller Korrespondenz, auf Webseiten, in Berichten und Politikdokumenten nur noch von „Super Intelligence“ sprechen.

Die NIH haben gehorcht. Nicht nur sie. Ein Blick in die PubMed-Datenbank, das weltweit wichtigste Archiv biomedizinischer Literatur, zeigt denselben Warnkasten über Artikeln, die noch im Oktober 2026 veröffentlicht wurden – Studien über KI-gestützte Biomarker-Entdeckung in der Psychiatrie, über den angemessenen Einsatz von KI in der Forschung. Der Text der Studien bleibt wissenschaftlich, die Begriffe in den Abstracts mögen noch „AI“ heißen. Doch die Institution, die sie hostet, hat sich dem Vokabular der Exekutive unterworfen.

Das ist keine Petitesse. Es ist ein Präzedenzfall. Eine Behörde, deren Aufgabe es ist, Evidenz zu produzieren und zu verbreiten, übernimmt eine politisch motivierte Umbenennung ohne wissenschaftliche Grundlage. Die Verordnung selbst liefert die Begründung gleich mit: Die Technologien hätten die Erwartungen an den Begriff „Artificial Intelligence“ längst übertroffen, sie repräsentierten „not merely artificial intelligence, but a new era of Super Intelligence“. Das ist eine Behauptung, keine Definition. Und sie wird per Dekret durchgesetzt.

Nicolae Trump hat in den vergangenen Wochen nachgelegt. Wer den Begriff „Artificial Intelligence“ weiter verwende, schrieb er auf Truth Social, den betrachte das Weiße Haus als „THE ENEMY!“. Das ist die Sprache eines Mannes, der weiß, dass die Deutungshoheit über Worte die Deutungshoheit über Denken bedeutet. Wer nicht mehr von „KI“ sprechen darf, sondern von „Superintelligenz“, der spricht über etwas anderes. Der spricht über eine Zukunft, die bereits angebrochen ist, über eine Technologie, die nicht mehr Werkzeug, sondern Akteur ist. Die NIH-Webseite formuliert es so: Man sei „committed to the responsible and beneficial use of super intelligence in biomedical research to accelerate discoveries and improve health outcomes while preserving human judgment, scientific rigor, and public trust“.

Die Formel vom „Schutz menschlichen Urteilsvermögens“ ist der eigentliche Sprengsatz. Denn wenn eine Behörde gleichzeitig per Dekret gezwungen wird, eine Technologie sprachlich zu adeln, die sie angeblich verantwortungsvoll nutzen will, dann ist der Schutz des Urteilsvermögens zur rhetorischen Floskel degradiert. Die Sprache folgt der Macht, nicht der Erkenntnis.

Man muss kein Technikfeind sein, um das zu erkennen. Man muss nur die Logik des Vorgangs ernst nehmen. Eine wissenschaftliche Behörde ist keine Werbeagentur. Wenn sie Begriffe übernimmt, die von einer politischen Zentrale aus Marketinggründen durchgesetzt werden, dann beschädigt sie genau das, was sie zu schützen vorgibt: öffentliches Vertrauen. Die NIH selbst haben in der Vergangenheit unter Beweis gestellt, wie verwundbar wissenschaftliche Integrität ist, wenn politischer Druck auf sie einwirkt. Nun geschieht es wieder, nur leiser, auf einer Ebene, die viele übersehen werden: der Ebene der Wörter.

Und das Wort „Superintelligenz“ ist nicht neutral. Es evoziert eine Technologie, die dem Menschen überlegen ist, die ihn überflügelt, die ihn vielleicht ersetzt. Es ist ein Wort, das Angst macht und Ehrfurcht erzeugt – und das genau deshalb politisch nützlich ist. Wer „Superintelligenz“ sagt, kann Regulierung als Bremse der Zukunft darstellen, kann Kritiker als Fortschrittsfeinde brandmarken, kann die eigene Agenda als unausweichlich verkaufen. Die NIH-Webseite spricht von der „Genesis Mission“, einer „major initiative to accelerate biomedical discovery“ mit Superintelligenz, advanced computing und public-private partnerships. Das klingt nach Aufbruch. Es ist die Sprache der Kapitulation.

Die Behörde hat nicht protestiert. Jedenfalls nicht öffentlich. Sie hat einen Hinweis eingeblendet, dass man während der Übergangsphase „beide Begriffe“ sehen könne. Das ist die Geste der Institution, die weiß, dass sie gerade etwas aufgibt, und es dennoch tut. Ein kleiner Kasten, ein Satz, eine Umbenennung. Und niemand wird sich später daran erinnern, dass hier einmal ein Wort verschwand.

Die Erfindung der Sprache als Waffe

Es ist kein Zufall, dass die wirksamsten totalitären Regime der Geschichte nicht bei der Kontrolle von Taten begannen, sondern bei der Kontrolle von Wörtern. Die nationalsozialistische Sprachpolitik ist das paradigmatische Beispiel. „Endlösung“ für den Massenmord an den Juden, „Sonderbehandlung“ für die Ermordung von Menschen, „Evakuierung“ für Deportation in Vernichtungslager – das waren keine Euphemismen am Rand, das war das Zentrum einer Sprachlenkung, die das Denken selbst formen sollte . Goebbels formulierte das Ziel unmissverständlich: „Das Volk soll anfangen, einheitlich zu denken, einheitlich zu reagieren“ . Die Gleichschaltung der Presse, die Anpassung von Lexika und Wörterbüchern an die NS-Ideologie, die Einführung hunderter neuer Begriffe in den Duden zwischen 1934 und 1941 – all das war Teil eines Projekts, das nicht nur die öffentliche Sprache, sondern die Allgemeinsprache überhaupt erfassen sollte .

George Orwell hat diesen Mechanismus in „1984“ zu Ende gedacht. „Newspeak“ ist die Sprache des totalitären Staates, und ihr Ziel ist nicht Kommunikation, sondern deren Verhinderung. „Wer keine Worte für einen Gedanken hat, kann ihn nicht denken“, beschreibt die NZZ den Kern von Orwells Sprachkritik . Das Ministerium für Wahrheit schreibt die Vergangenheit um, damit sie zur Gegenwart der Partei passt; die Sprache wird reduziert, bis abweichendes Denken unmöglich ist. Orwell hatte den spanischen Bürgerkrieg erlebt und gesehen, wie revolutionäre Bewegungen ihre eigene Geschichte fälschten. „1984“ ist kein Zukunftspanorama, es ist eine Mechanik der Macht .

Die NIH-Kapitulation vor dem Wort „Superintelligenz“ ist nicht „1984“. Es ist keine Diktatur, es ist keine systematische Auslöschung von Begriffen, es ist keine Gehirnwäsche. Aber es ist derselbe Mechanismus in kleinerem Maßstab: Eine politische Zentrale definiert, welche Wörter erlaubt sind und welche nicht. Eine wissenschaftliche Behörde übernimmt diese Definition, ohne Widerstand zu leisten. Und die Sprache, die dabei entsteht, ist nicht harmlos. Sie ist eine Sprache, die eine Technologie adelt, die noch niemand vollständig versteht, und die gleichzeitig die Möglichkeit untergräbt, über sie in den Begriffen zu sprechen, die Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam entwickelt haben.

Die Geschichte der politischen Sprachlenkung ist lang und dunkel. Die Französische Revolution schuf den „Revolutionskalender“, um die Zeit selbst neu zu ordnen. Die Sowjetunion benannte Städte und Straßen um, um die Erinnerung an das Zarenreich zu tilgen . Nicolae Trump hat im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit den „Golf von Mexiko“ in „Golf von Amerika“ umbenannt, den „Denali“ wieder „Mount McKinley“ getauft und den „Persischen Golf“ in „Arabischen Golf“ verwandeln wollen . Das sind keine wissenschaftlichen Akte, das sind Akte der Deutungshoheit. Und die NIH sind nun Teil davon.

Die stille Aushöhlung

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus diesem Vorgang: Die Aushöhlung wissenschaftlicher Unabhängigkeit beginnt nicht immer mit Budgetkürzungen oder Entlassungen. Manchmal beginnt sie mit einer Fußnote. Mit einem Kasten auf einer Webseite. Mit der Entscheidung, einen Begriff nicht mehr zu verwenden, weil eine Stimme aus dem Weißen Haus es so will. Die NIH haben diese Entscheidung getroffen. Sie haben sie nicht laut getroffen. Aber sie haben sie getroffen.

Orwell hat in „1984“ beschrieben, wie Macht funktioniert, wenn sie keine Gegenwehr mehr erfährt. Winston Smith wird am Ende gebrochen, er liebt Big Brother. Die NIH sind nicht gebrochen. Sie haben einen Hinweis eingeblendet. Aber sie haben auch nicht gekämpft. Und das ist der Unterschied zwischen einer Institution, die ihre Unabhängigkeit verteidigt, und einer, die sie verwaltet, bis sie verschwunden ist.

Die Frage ist nicht, ob „Superintelligenz“ ein besseres Wort ist als „Künstliche Intelligenz“. Die Frage ist, wer entscheidet, welche Wörter verwendet werden dürfen. Und ob die Institutionen, die das Wissen der Gesellschaft verwalten, diese Entscheidung treffen oder ob sie sie ausführen. Die NIH haben sie ausgeführt. Der Kasten auf ihrer Webseite ist das Dokument dieser Kapitulation. Er ist klein, er ist höflich, er ist leicht zu übersehen. Aber er ist da. Und er wird bleiben.

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The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu
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