Zum Inhalt springen

Zerstörung des Biodiversitäts-Hotspots 18: Irreversible Folgen für das Artengenom im südharzer Gipskarst

Der Biodiversitäts-Hotspot 18 – der Südharzer Zechsteingürtel mit Kyffhäuser und Hainleite – zählt zu den 30 national prioritären Zentren biologischer Vielfalt Deutschlands. Sein niedersächsischer Anteil im Landkreis Göttingen, insbesondere das Naturschutzgebiet Gipskarstlandschaft bei Ührde (ca. 705 ha, FFH-Gebiet „Gipskarstgebiet bei Osterode“), beherbergt eines der artenreichsten und geomorphologisch einzigartigsten Sulfatkarstsysteme Europas. Hier existieren spezialisierte Populationen von Orchideen (u. a. Bienen-Ragwurz, Purpur-Knabenkraut), Amphibien (Kammmolch), Reptilien (Zauneidechse), Fledermäusen und reliktären Pflanzenarten, die an die extremen Standortbedingungen des Gipskarstes adaptiert sind.

Durch den genehmigten Dolomit- und Gipsabbau der Knauf-Tochter Rump & Salzmann – insbesondere die Erweiterung am Härkenstein und Blossenberg bis voraussichtlich 2090 – wird dieser Hotspot systematisch fragmentiert und reduziert. Was als streng geschütztes Gebiet ausgewiesen war, wird durch Holzeinschlag, Oberbodenabtrag und Sprengungen in eine Abbauzone umgewandelt. Die behördliche Freigabe (Staatliches Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig / untere Naturschutzbehörde Göttingen 2014/2015) und die begleitende Kompensationsvereinbarung mit BUND- und NABU-Funktionären haben diesen Prozess politisch und institutionell legitimiert.

Populationsgenetische Konsequenzen

Habitatzerstörung dieses Ausmaßes trifft nicht nur Individuen und Populationen, sondern das Artengenom selbst. Spezialisierte Karstarten leben häufig in kleinen, räumlich isolierten Vorkommen. Die Zerstörung von Magerrasen, Erdfällen, Dolinen und Orchideen-Buchenwäldern führt zu:

  • Verlust genetischer Vielfalt (Genetic Erosion): Lokale Allele und private Haplotypen, die in diesem Hotspot entstanden oder erhalten geblieben sind, gehen unwiederbringlich verloren. Reliktarten des Gipskarstes weisen oft bereits geringe effektive Populationsgrößen (Ne) auf; weitere Reduktionen treiben sie unter kritische Schwellen.
  • Fragmentierung und unterbrochener Genfluss: Die räumliche Trennung verbleibender Populationen unterbindet Migration und Pollen-/Samenausbreitung. Damit entfällt der genetische Austausch, der Drift und Inzucht entgegenwirkt.
  • Inzuchtdepression und reduzierte Adaptationsfähigkeit: Ansteigende Homozygotie führt zu verminderter Fitness (geringere Reproduktionsraten, erhöhte Anfälligkeit gegenüber Pathogenen und Klimastress). Die Fähigkeit, auf zukünftige Umweltveränderungen zu reagieren, schwindet.
  • Lokale Extinktion und irreversibler Allelenverlust: Mit dem Verschwinden einzelner Vorkommen (z. B. an Härkenstein und Blossenberg) erlöschen nicht nur Populationen, sondern auch die in ihnen gespeicherten genetischen Varianten. Renaturierungsmaßnahmen nach dem Abbau können die geomorphologischen Sonderstandorte und die daran gekoppelten Genpools nicht rekonstruieren.

Besonders kritisch ist die Zeitskala: Die Genehmigung bis 2090 umfasst mehrere Generationen vieler betroffener Arten. Während kurzlebige Insekten und Annuellen rasch reagieren, akkumulieren langlebige Orchideen und Amphibien genetische Schäden über Jahrzehnte, bevor der Populationszusammenbruch sichtbar wird.

Wissenschaftliche und naturschutzpolitische Dimension

Im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt, das mit dem Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz den Abbau weitgehend gestoppt hat, priorisiert Niedersachsen Rohstoffgewinnung. Kompensationsflächen (Hecken, Streuobstwiesen) adressieren Flächenbilanzen, nicht aber die populationsgenetische Substanz. Aus Sicht der Evolutionsbiologie und der Erhaltungsgenetik handelt es sich um einen klassischen Fall von „extinction debt“: Die genetischen Folgen der heutigen Landschaftszerstörung werden erst in kommenden Jahrzehnten vollständig sichtbar.

Für die Life Sciences und die Biodiversitätsforschung bedeutet dies den Verlust eines natürlichen Labors. Der Südharzer Gipskarst bietet Modellsysteme für Anpassungsprozesse an extreme Substrate, für die Evolution von Reliktlinien und für die Dynamik kleiner Populationen unter klimatischem und anthropogenem Druck. Mit der fortgesetzten Zerstörung des Hotspots 18 im Landkreis Göttingen geht nicht nur Landschaft verloren, sondern ein Teil des evolutionären Erbes – das Artengenom selbst.

Die politische und institutionelle Absicherung dieses Prozesses wirft grundlegende Fragen auf: Wie prioritär ist der Schutz genetischer Ressourcen, wenn Abbaurechte und wirtschaftliche Interessen dominieren? Die Antwort entscheidet darüber, ob Hotspots wie der südharzer Gipskarst weiterhin als evolutionäre Archive fungieren oder lediglich als abzubauende Rohstofflager betrachtet werden.

Autoren-Avatar
LabNews Media LLC
The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu
LabNews Media LLC

LabNews Media LLC

The Editors in Chief of labnews.ai are Marita Vollborn and Vlad Georgescu. They are bestselling authors, science writers and science journalists since 1994.More details about their writing on X-Press Journalistenbüro (https://xpress-journalisten.com).More Info on Wikipedia:About Marita: https://de.wikipedia.org/wiki/Marita_Vollborn About Vlad: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_Georgescu