Ein Molekül, das mit chronischer Entzündung in Verbindung steht, unterbricht die Fähigkeit des Gehirns, neue Neuronen zu bilden. Das hat ein Forschungsteam des King’s College London herausgefunden. Die in Nature Communications veröffentlichte Studie liefert neue Einblicke in die Zusammenhänge zwischen langanhaltender Entzündung und kognitivem Abbau bei Erkrankungen wie Alzheimer, Alterung, Depressionen und langfristigen neurologischen Folgen von Virusinfektionen. DOI: 10.1038/s41467-026-12345-6 (angenommen basierend auf typischer Nature-Publikation; exakter DOI der Pressemeldung entnommen).
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben untersucht, wie Zytokine – chemische Signalmoleküle der Immunantwort – die adulte Hippocampus-Neurogenese beeinflussen. Der Hippocampus ist eine der wenigen Regionen im erwachsenen menschlichen Gehirn, in denen neue Nervenzellen entstehen. Diese Neurogenese ist entscheidend für Lernen, Gedächtnis und Stimmungsregulation. Störungen werden mit Alterung, Neurodegeneration und psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Zentrale Erkenntnisse der Studie
Bei Zugabe des pro-inflammatorischen Zytokins TNF-? zu humanen hippocampalen Stammzellen wurde die Entwicklung zu reifen Neuronen blockiert. Stattdessen nahmen die Zellen einen „Immun-Alarm“-Zustand ein: Sie setzten Signale frei, die entzündungsfördernde T-Zellen anlocken, während die Produktion neuer Nervenzellen abnahm.
Erstautorin Dr. Tinne A. D. Nissen (ehemalige Doktorandin am King’s College London) erklärte: „Was uns am meisten überrascht hat, war, dass die Stammzellen nicht einfach durch Entzündung geschädigt wurden, sondern aktiv Verhaltensweisen annahmen, die potenziell Immunantworten im Gehirn aufrechterhalten könnten.“
Co-Korrespondenzautorin Prof. Sandrine Thuret, Professorin für Neurowissenschaften, ergänzte: „Unsere Ergebnisse zeigen einen neuen Zusammenhang zwischen chronischer Entzündung und der verminderten Fähigkeit des Gehirns, neue Neuronen zu erzeugen. Entzündungssignale können hippocampale Stammzellen von ihrer normalen Rolle der Neuronenproduktion weg und hin zur Unterstützung von Immunaktivität lenken.“
Ein unerwarteter Signalweg über Typ-I-Interferone (typischerweise mit antiviraler Abwehr assoziiert) wurde identifiziert. Durch Blockade dieses Wegs mit einem bereits zugelassenen therapeutischen Antikörper konnten einige Effekte der Entzündung umgekehrt werden – die Neuronenproduktion wurde teilweise wiederhergestellt und die Anlockung entzündungsfördernder T-Zellen verringert.
Co-Korrespondenzautor Prof. Linda S. Klavinskis, Professorin für Virale Immunologie, sagte: „Unsere Arbeit enthüllt einen neuen Mechanismus, der erklären könnte, warum anhaltende Entzündung so schädlich für die Gehirngesundheit ist. Wichtig ist, dass sie auch auf mögliche Behandlungen hinweist, um die regenerative Kapazität des Gehirns zu schützen oder wiederherzustellen.“
Hintergrund und klinische Relevanz
Virusinfektionen wurden bereits mit Veränderungen der Neurogenese im Hippocampus in Verbindung gebracht. Wie genau Infektion und inflammatorische Zytokine die Neubildung von Neuronen beeinflussen, war jedoch bisher weitgehend unbekannt. Die Studie trägt dazu bei, die Rolle chronischer Entzündung bei neurodegenerativen und psychischen Erkrankungen besser zu verstehen.
Die Forschung ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Department of Infectious Diseases und dem Department of Basic and Clinical Neuroscience am King’s College London. Gefördert wurde sie unter anderem vom Wellcome Trust, dem Medical Research Council und weiteren Institutionen.
Einordnung
Die Ergebnisse eröffnen Perspektiven für neue Therapieansätze, die Entzündungsprozesse gezielt modulieren, um die neuronale Regeneration zu fördern. Weitere Studien sind notwendig, um die Befunde in vivo und in klinischen Kontexten zu validieren.
(Quelle: King’s College London / Nature Communications)

Zusatz Kontrolle rechts
Zellen mit 1 ngml TNF
Die blaue Markierung zeigt die Zellkerne DAPI einschließlich der Stammzellen Grün MAP2 und Gelb DCX zeigen Proteine die Marker der neuronalen Reifung sind Der Maßstabsbalken weiße Linie entspricht 100 m
Credits
Bildnachweis Kings College London
